Wasser, Licht und Steine: Ein KulTour-Rendezvous mit drei besonderen Kirchen

Erstellt am 01.07.2022

Rendez-vous: “Bring Dich bei” heißt es im Wortsinn, und bei der KulTour-Exkursion zu drei Kirchen im Evangelischen Kirchenkreis Vlotho war das ganz wörtlich zu nehmen. Unter dem Motto “Wasser, Licht und Steine” veranstaltete KuK!-Kulturreferentin Susanne Böhringer eine Tagesexkursion nach Holzhausen, Mahnen und Eidinghausen unter der fachkundigen Leitung von Dr. Ulrich Althöfer, Kunsthistoriker des Landeskirchenamts.

Bei schönstem Sonnenschein, und von einer jungen Turmfalkenfamilie skeptisch beäugt, treffen sich die Teilnehmer aus ganz Ostwestfalen auf dem Kirchhof in Holzhausen an der Porta zu Beginn eines erlebnis- und erkenntnisreichen Tages. Wasser ist das Leitmotiv für diesen ersten Stopp, doch die Weser ist weit. Das Wasser finden die Teilnehmer, auf eine Schnitzeljagd in und um die Kirche geschickt, in den Händen des Taufengels.

Taufengel sind ein im nord- und nordostdeutschen Bereich weit verbreiteter, aber in Westfalen seltener Teil der Kirchenausstattung. Als Innovation der großen Erneuerungs- und Neuausstattungsphase nach dem Dreißigjährigen Krieg wurden sie als bewegte Bildwerke aktiver Teil der Taufliturgie; sie schwebten an ihren Seilzügen vom Kirch-Himmel herab und brachten das Taufwasser zum Täufling. Der Holzhausener Taufengel ist einer von vier erhaltenen Taufengeln im Kirchenkreis und scheint sich mit der perspektivisch cleveren Darstellung seines Kopfes in den Kirchenraum hinein und zur Gemeinde hin zu bewegen.

Architektur aus Licht

Die Matthäuskirche in Mahnen bei Gohfeld transportiert die Besuchergruppe aus dem späten Mittelalter in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts und in lichte Höhen im mehrfachen Sinn. Der 1964 vom Osnabrücker Architekten Werner Johannsen gestaltete Hallenbau überrascht sie mit einer, im Vergleich mit seinem spröden Äußeren, ausgeklügelten Lichtregie im Inneren. Bleiglaswaben bilden in der Höhe einen Lichtgaden, durch den das natürliche Tageslicht sanft in den Sakralraum hereinfiltert. Zwei in dramatischen Rottönen gehaltene, aufrecht gestellte Betonglasbänder am Eingang wirken wie Lichtstelen, in denen sich das Abendrot verstärkt. Das monumentale Ostfenster in der Altarconche bringt ruhigere Blau- und Goldtöne in die Komposition und spielt mit den Farbmotiven des neuen Jerusalems der Offenbarung: “von lautern Gold gleich dem reinen Glas”.

Der aus Ostpreußen stammende Heinz Lilienthal entwickelte sich, nach Kriegs- und Vertreibungserfahrung, zu einem der führenden Glaskünstler Norddeutschlands von seinem Atelier in Bremen aus. Er beeinflusste die Kirchenkunst auch im Wesertal über drei Jahrzehnte mit Arbeiten wie der Neuverglasung der Nicolaikirche in Hameln von 1959 oder der reformierten Jacobikirche in Rinteln von 1971. Zwischen diesen beiden stadtbildprägenden Kirchen in den angrenzenden Kreisen konnte Lilienthal seine Gestaltungsprinzipien in verschiedenen Kirchenverglasungen im Evangelischen Kirchenkreis Vlotho in die Breite tragen. Den Beginn machte 1964 die mit der für ihn typischen Arbeitsgeschwindigkeit ausgeführte Verglasung der neu entstehenden Matthäuskirche in Mahnen. Es folgten 1975 die Auferstehungskirche in Dehme und eine letzte Arbeit in Möllbergen 1989, die seinen Sinn für Farbe und Licht in freier Form in nur auf den ersten Blick geometrisch vereinfachte, das Waage- und Senkrechte betonende Strukturen einfängt.

Auch Steine wachsen

Auch Steine können wachsen, erfahren die Teilnehmer zum Abschluss in Eidinghausen: Die Biographie des Gebäudes schreibt sich in den Stein ein. Nach dem Mittelalter Holzhausens und der Nachkriegszeit Mahnens findet sich die Gruppe im Historismus der Kaiserzeit wieder. Der mit dem Selbstbewusstsein der Zeit gestaltete Neubau der Jahre 1892 bis 1896 hat viel mehr Geschichten zu erzählen als man bei seinem jungen Alter vermuten würde.

Ulrich Althöfer gibt seinen Mit-Entdeckern ein rotes Band in die Hand und leitet sie durch das Mittelschiff der Kreuzkirche. Und siehe da: vor ihren Augen entsteht wieder der Grundriss der gotischen Saalkirche. Aber wie in Holzhausen und Mahnen entdecken die Teilnehmer nicht nur dort, sondern überall die Zeugen der Vergangenheit. Ein Ornamentband im für die Gründerzeit typischen Terrazzoboden versteckt sich am lange zugemauerten Nordportal. Der Sandstein des Mauerwerks trägt die Spuren eines Jahrhunderts, dessen Umweltbedingungen es den historischen Gebäuden nicht immer leicht gemacht hat. Und selbst die Bodenhöhe hat über die vergleichsweise wenigen Generationen bereits “geatmet”, hob sich und sank wieder mit Heizungsein- und Umbauten.

In ihrem Rendezvous mit drei Kirchen haben die Teilnehmer viel entdecken und mitnehmen können, und sicher entsteht aus diesem ersten Rendezvous bei einigen von ihnen eine bleibende Beziehung.

Ein kurzer Flirt oder eine lange Beziehung? Das Rendezvous lädt zum Entdecken ein

Dr. Ulrich Althöfer, Kunsthistoriker am Landeskirchenamt, dirigiert seine Mit-Entdecker

Eine verschwundene Kirche entsteht wieder in Eidinghausen

Im Lichtzauber von Heinz Lilienthals Kirchenfenstern in Mahnen