08/09/2026 0 Kommentare
Weggeschaut oder Widerstand geleistet? Die Geschichte der Vlothoer Kirchengemeinden im „Dritten Reich“ soll umfassend aufgearbeitet werden
Weggeschaut oder Widerstand geleistet? Die Geschichte der Vlothoer Kirchengemeinden im „Dritten Reich“ soll umfassend aufgearbeitet werden
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Weggeschaut oder Widerstand geleistet? Die Geschichte der Vlothoer Kirchengemeinden im „Dritten Reich“ soll umfassend aufgearbeitet werden
Highlights
- Die bislang kaum erforschte Kirchengeschichte Vlothos im Nationalsozialismus soll umfassend aufgearbeitet werden.
- Handschriftliche Presbyteriums-Protokolle von St. Stephan aus den Jahren 1931 bis 1972 sind erstmals vollständig entziffert und übertragen worden.
- Archive, Zeitzeugen und private Dokumente sollen helfen, das kirchliche Leben zwischen Anpassung, Konflikt und Widerstand sichtbar zu machen.
Von Jürgen Gebhard, Ev. Kirchengemeinde Vlotho
Haben die Pfarrer und die Presbyter in Vlotho und in den Dörfern weggeschaut, als im Dritten Reich Unrecht geschah? Haben sie die Mächtigen unterstützt? Oder standen sie dem Regime kritisch gegenüber und haben Widerstand geleistet? – Die bislang nur lückenhaft erforschte Vlothoer Kirchengeschichte vor allem im Nationalsozialismus soll umfassend aufgearbeitet werden.
Für die ehemalige Stadtgemeinde St. Stephan ist die Kirchengeschichte in der NS-Zeit noch nicht einmal ansatzweise erforscht worden. Das ändert sich gerade: Mit der Abschrift der zum Teil in Sütterlin-Schrift verfassten Presbyteriums-Protokolle ab dem Jahr 1931 ist in diesem Sommer der erste Schritt gemacht worden.
St. Stephan: Protokolle lesbar gemacht
Als der ehemalige Jugendreferent Hans-Ulrich Strothmann die Kirchenbücher der Vlothoer Gemeinden für das Landeskirchliche Archiv digitalisierte, stieß er auch auf die Protokollbücher des Presbyteriums von St. Stephan aus den Jahren 1931 bis 1972, die er ebenfalls einscannte.
Pfarrer Christoph Beyer hatte die Idee, den Inhalt wieder lesbar zu machen: Er kontaktierte Gottfried Wehr. Der 86-jährige Pfarrer im Ruhestand hat eine ganz persönliche Verbindung zu St. Stephan: Sein Vater, Erich Wehr, war dort von August 1933 bis Juli 1935 Pfarrer (danach bis 1952 in Wehrendorf).
Gottfried Wehr ließ sich sofort begeistern: „Drei Monate lang habe ich täglich daran gearbeitet. Dabei habe ich auch einiges über meinen Vater erfahren“, berichtet er. Das Ergebnis ist beeindruckend: Gottfried Wehr hat die handschriftlichen Protokolle komplett entziffert und in ein Word-Dokument übertragen. Die Datei und die ausgedruckten 588 Seiten hat er jetzt an Pfarrer Beyer übergeben.
Gerade die Jahre 1933 bis 1935 waren für die evangelische Kirche eine Zeit der Zerreißprobe zwischen den regimetreuen „Deutschen Christen“ und der bibeltreuen „Bekennenden Kirche“. Die Protokolle von St. Stephan zeigen, dass es auch in Vlotho lebhafte Auseinandersetzungen gab.
So heißt es unter dem Datum vom 14. März 1934: „P. Wehr machte eingehende Mitteilungen über die gespannte Lage der Ev. Landeskirche. Es schloss sich daran eine lebhafte Aussprache an. Es kann sein, dass die Kirche bzw. die Gemeinde in nächster Zeit vor ernste Fragen gestellt wird.“
Nur wenige Wochen später, am 27. April 1934, wird von heftigen Diskussionen im Presbyterium berichtet. Nach einer Debatte über den „Kampf der NSDAP gegen den Bolschewismus“ mahnte Presbyter Schäffer schließlich, „weitere Wortstreitigkeiten nun zu unterlassen, damit in unserer Gemeinde Frieden einkehrt.“ Anschließend habe Pastor Wehr „längere Ausführungen über den kirchenpolitischen Kampf und über die Bedeutung der Bezeichnung Bekenntniskirche“ gemacht. Was genau hinter den „Wortstreitigkeiten“ steckte und was die „längeren Ausführungen“ beinhalteten, verschweigt das Protokoll. Vorerst unklar bleibt auch, warum Pfarrer Erich Wehr im Jahr 1935 von St. Stephan nach Wehrendorf wechselte. Vielleicht findet sein Sohn eine Antwort, wenn er demnächst die Valdorfer Protokollbücher transkribiert.
In den Archiven hat Pfarrer Christoph Beyer inzwischen weiteres Material gesichtet, das er noch auswerten wird.
Die Situation in Valdorf, Exter und St. Johannis
Wie sah im „Dritten Reich“ die Situation in Valdorf, Exter und St. Johannis aus? Für diese zu jener Zeit selbständigen Kirchengemeinden ist bereits einige Vorarbeit geleistet worden. Besonders früh hat Exter damit begonnen: In der Festschrift zum 300-jährigen Jubiläum im Jahr 1966 ist dem Thema ein längerer Absatz gewidmet. Dort heißt es zum damaligen Gemeindepfarrer Heinrich Gottlieb Brünger: „Seine offenen Worte gegen den Nationalsozialismus und die Deutschen Christen brachten ihn in Gefahr: Ein Einwohner zeigte den Pastor wegen seiner zersetzenden Äußerungen bei der Geheimen Staatspolizei an.“
In St. Johannis hatte vor drei Jahren eine Veröffentlichung des damaligen Historikers der Mendel-Grundmann-Gesellschaft (MGG) für Diskussionen gesorgt. Seine Forschungsergebnisse zur Arisierung der Villa Grundmann, dem späteren reformierten Pfarr- und Gemeindehaus, hatten überlieferte Erzählungen in Frage gestellt. Eine Erkenntnis bestätigte sich: Beim Blick in die Archive entstehen manchmal andere Geschichten als die, die mündlich überliefert werden.
In Valdorf beschäftigt sich Pfarrer Christoph Beyer seit dem Jubiläum „750 Jahre Kirche Valdorf“ im Jahr 2008 mit der Geschichte dieser Kirchengemeinde vor allem in Nazi-Deutschland. In der Erinnerung älterer Gemeindeglieder seien die Gottesdienste schon früh von Parteimitgliedern und Polizei überwacht worden. Besonders aufmerksam verfolgt worden seien dabei die Predigten des jungen Pfarrers Oberwelland, der deutlich auf Distanz zum nationalsozialistischen Staat gegangen sei.
Im Winter 2025/2026 haben Pfarrer Christoph Beyer und Jürgen Gebhard in Personalunion für Kirchengemeinde und MGG ein Zeitzeugen-Interview mit Friedrich Oberwelland geführt. Dessen Vater Friedrich Oberwelland war in den 1930er und 1940er Jahren Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Valdorf. Der heute 94-jährige Sohn berichtete unter anderem über das Gemeindeleben und vom Alltag während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs auf dem Dorf.
Wer hat Material? Wer forscht mit?
Pfarrer Christoph Beyer möchte die Vlothoer Kirchengeschichte weiter aufarbeiten: „Es gibt bisher einige Jubiläumsschriften und Erzählungen, aber noch kein umfassendes Werk. Am wenigsten wissen wir über die Zeit im Dritten Reich.“
Er fragt: „Haben Sie Interesse, an der Erforschung unserer Kirchengeschichte mitzuarbeiten? Besitzen Sie noch alte Dokumente, Briefe oder Fotos? Dann melden Sie sich gerne bei mir oder im Gemeindebüro (E-Mail: kircheinvlotho@ekvw.de oder Tel.: 05733/2370)".
Weggeschaut oder Widerstand geleistet?
Wie haben sich die evangelischen Kirchen-Gemeinden in Vlotho während der Zeit der Nazis verhalten?
Haben Pfarrer und andere Verantwortliche das Regime unterstützt? Haben sie weggeschaut? Oder haben sie sich gegen die National-Sozialisten gestellt?
Diese Fragen sind bisher noch nicht genug erforscht. Das soll sich ändern. Pfarrer Christoph Beyer möchte die Geschichte der Vlothoer Kirchen-Gemeinden in dieser Zeit genauer untersuchen.
Neue Quellen für St. Stephan
Ein wichtiger Anfang ist bei der ehemaligen Gemeinde St. Stephan gemacht worden.
Dort gibt es alte Protokolle. In diesen Protokollen wurde festgehalten, worüber gesprochen und entschieden hat.
Ein Teil der Protokolle ist in Sütterlin geschrieben. Sütterlin ist eine alte deutsche Schreib-Schrift. Heute können viele Menschen diese Schrift nicht mehr lesen.
Der frühere Jugend-Referent Hans-Ulrich Strothmann hat die alten Protokolle eingescannt. Pfarrer Christoph Beyer wollte den Inhalt genauer kennenlernen.
Darum bat er den früheren Pfarrer Gottfried Wehr um Hilfe. Gottfried Wehr ist 86 Jahre alt. Sein Vater Erich Wehr war von 1933 bis 1935 Pfarrer in St. Stephan.
Gottfried Wehr hat drei Monate lang an den Protokollen gearbeitet. Er hat die Handschrift vollständig entziffert und den Text am Computer aufgeschrieben.
Das Ergebnis umfasst 588 Seiten. Die Abschrift hat jetzt Pfarrer Beyer.
Konflikte in der Kirche
Die Protokolle zeigen: Auch in St. Stephan gab es Streit über die Politik und über die Kirche.
In den Jahren 1933 bis 1935 gab es einen großen Konflikt in der evangelischen Kirche. Eine Gruppe unterstützte die Politik der Nazis. Diese Gruppe hieß „Deutsche Christen“.
Eine andere Gruppe wollte sich stärker an der Bibel und am christlichen Bekenntnis orientieren. Sie wurde „Bekennende Kirche“ genannt.
Auch im Presbyterium von St. Stephan wurde darüber gesprochen und gestritten. Die Protokolle zeigen einige dieser Gespräche. Sie erklären aber nicht immer genau, worüber die Menschen gestritten haben.
Auch andere Gemeinden werden erforscht
Auch über Valdorf, Exter und St. Johannis gibt es Quellen.
Aus Exter ist bekannt: Pfarrer Heinrich Gottlieb Brünger sprach offen gegen den National-Sozialismus und gegen die „Deutschen Christen“. Deshalb wurde er bei der Gestapo angezeigt. Die Gestapo war die Geheime Staats-Polizei der Nazis.
In St. Johannis wurde die Geschichte des Gemeinde-Hauses, der Villa Grundmann, erforscht. Die Forschung hat gezeigt: Die tatsächliche Geschichte kann anders sein als die Geschichten, die Menschen über viele Jahre weitererzählen.
In Valdorf beschäftigt sich Pfarrer Christoph Beyer schon seit vielen Jahren mit der Geschichte der Gemeinde. Auch ein Zeitzeuge wurde interviewt. Friedrich Oberwelland ist heute 94 Jahre alt. Sein Vater war in den 1930er und 1940er Jahren Pfarrer in Valdorf. Friedrich Oberwelland hat über das Leben im Dorf während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs berichtet.
Gesucht: alte Dokumente und Erinnerungen
Pfarrer Christoph Beyer möchte weiter forschen.
Dafür sucht er Menschen, die mitarbeiten möchten. Auch alte Briefe, Fotos und andere Dokumente sind wichtig.
Wer solche Unterlagen besitzt oder bei der Forschung helfen möchte, kann sich bei Pfarrer Christoph Beyer oder im Gemeindebüro melden.
Das geht über E-Mail bei christoph.beyer@ekvw.de oder im Gemeindebüro (E-Mail: kircheinvlotho@ekvw.de oder Tel.: 05733/2370).
Did They Resist, or Did They Look Away?
How did Protestant pastors and church council members in the town of Vlotho and the surrounding villages respond when injustice was committed under the Nazi regime? Did they support those in power, or did they take a critical stance and resist? The history of Vlotho’s Protestant churches during the Nazi era has so far only been researched in fragments. A comprehensive examination is now being undertaken.
St Stephan's Parish: Making the Minutes Accessible
For the former St Stephan’s parish in the centre of town, the church’s history during the Nazi era has barely been researched at all. An important first step has now been taken: the minutes of the parish council from 1931 onwards, some of them written in the old Sütterlin script, have been fully transcribed.
Former youth worker Hans-Ulrich Strothmann came across the minute books from 1931 to 1972 while digitising the church registers of Vlotho’s parishes for the state church archives. He scanned these books as well.
Pastor Christoph Beyer then had the idea of making their contents accessible. He contacted retired Pastor Gottfried Wehr, whose connection with St Stephan’s is also personal: his father, Erich Wehr, served there from August 1933 to July 1935, before moving to nearby Wehrendorf.
Gottfried Wehr immediately became enthusiastic about the project. For three months, he worked on the documents every day, deciphering the handwritten minutes and transferring them into a Word document. The completed transcription, consisting of 588 printed pages, has now been handed over to Christoph Beyer.
The years 1933 to 1935 were a period of deep division within the Protestant Church. The pro-Nazi “German Christians” came into conflict with the Confessing Church, which sought to defend the church’s theological independence. The minutes from Vlotho show that these tensions were also discussed in Vlotho.
One entry from March 1934 describes the tense situation within the church and records an extended discussion. Just a few weeks later, the minutes refer to heated debates about the Nazi Party’s campaign against Bolshevism and the church-political struggle. They also mention the significance of the Confessing Church. At some points, however, the minutes leave unanswered what exactly lay behind the disputes.
Valdorf, Exter and St Johannis
There are also important sources for the former independent parishes of Valdorf, Exter, and the Reformed parish St. Johannis.
In Exter, a commemorative publication from 1966 records that Pastor Heinrich Gottlieb Brünger’s outspoken criticism of National Socialism and the “German Christians” put him in danger. A local resident reported him to the Gestapo, the secret police of the Nazi regime.
In St John’s, research into the “Aryanisation” of the Grundmann Villa, later used as the vicarage and parish hall, challenged some previously handed-down accounts. The research demonstrated once again that archival evidence can sometimes reveal a different story from one preserved through oral tradition.
Christoph Beyer himself has been researching the history of Valdorf parish, particularly during the Nazi era, since the parish’s 750th anniversary in 2008. Older members of the congregation remembered church services being monitored by Nazi Party members and police. Particular attention was reportedly paid to the sermons of the young pastor Oberwelland, who clearly distanced himself from the Nazi state.
During the winter of 2025/2026, Christoph Beyer and Jürgen Gebhard conducted an oral-history interview with Friedrich Oberwelland on behalf of the parish and the Mendel-Grundmann Society. Now 94, Oberwelland is the son of Friedrich Oberwelland, who was pastor of the Protestant parish of Valdorf in the 1930s and 1940s. He spoke about parish life and everyday life in the village during the Nazi period and the Second World War.
Who Has Material? Who Would Like to Help?
Christoph Beyer would like to continue researching Vlotho’s church history. There are already commemorative publications and personal accounts, he says, but no comprehensive study. The Nazi era remains the least well researched period.
He is therefore inviting anyone interested in taking part in the research to get in touch. Old documents, letters and photographs may also provide valuable evidence. Together, these sources can help build a more complete picture of how Vlotho’s Protestant churches responded to National Socialism.
Contact the parish by email: kircheinvlotho@ekvw.de or phone: 05733/2370.
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