Vom Zerbrechen

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Vom Zerbrechen

# Andacht

Vom Zerbrechen

Scherben auf dem Boden. Intensiver Geruch im ganzen Raum. Da ist etwas zerbrochen. Alle halten die Luft an und schauen mit offenem Mund die Frau an, die ein großes, kostbares Gefäß mit Parfüm-Öl mit Kraft auf den Boden geschmissen hat. 

Jetzt nimmt sie das Öl, das sich mit den Scherben vermischt hat, mit den Händen auf und schüttet es Jesus auf den Kopf. 

Der Evangelist Markus erzählt, dass diese Szene sich im Haus von Simon, dem Aussätzigen, zwei Tage vor der Verhaftung Jesu ereignet hat. Aber was, um Himmels willen, soll das?

Die Gäste, die mit Jesus zu Tisch gesessen haben, finden das Verhalten einfach unmöglich. Die Frau stört. Man will doch fröhlich miteinander tafeln, gute Gespräche führen, lachen. Und dann das! „Das Parfüm-Öl hätte man für einen Jahresverdienst verkaufen können und das Geld den Armen spenden“, ruft einer und viele stimmen empört zu. „So eine Verschwendung!“

Da ist etwas zerbrochen: Scherben auf dem Bildschirm, Bruchstücke von Häusern. Die Blicke der Menschen im Kriegsgebiet wirken gebrochen wie ihre Hoffnung und ihr Vertrauen auf Sicherheit und Schutz. Die Bilder dringen in mein schönes, warmes Zuhause ein, und auch in mir zerbricht etwas: die Gewissheit, dass das Völkerrecht gilt; dass Herrscher nicht aus Willkür tun können, was immer sie wollen, dass es Gerechtigkeit gibt.

Damals, im Haus des Simon, bekommt die Fröhlichkeit der Tischgemeinschaft Risse. Es wird etwas sichtbar, das kommen wird. Die Gäste aber sehen nicht und wollen nicht sehen, was in zwei Tagen geschehen wird. 

Da wird etwas zerbrechen. Jesus wird zerbrechen im Tod. Zerbrechen an der Liebe Gottes zu den Menschen. Gott wird bei den Menschen bleiben bis in den Tod hinein, weil er seine Liebe nicht zerbrechen lässt.

„Sie hat ein gutes Werk an mir getan“, sagt Jesus über die Frau. „Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.“ Scherben und kostbarstes Nardenöl nehmen das Zerbrechen Jesu im Tod zeichenhaft vorweg. Wahrnehmbar in der Schärfe der Bruchstücke und dem intensiven Geruch des Öls.

Ich sehe die Frau vor mir – Öl und Scherben an den Händen. Das Bild verbindet sich mit unserer Welt heute und ich beginne zu verstehen, dass Gott da ist: im Zerbrechen und dort, wo keine Hoffnung ist. Da, wo Menschen ihre Gewissheit verlieren. Gott ist immer noch da. Er zerbricht lieber als uns allein zu lassen. 

Nachdenklich gehe ich in die Karwoche hinein.

Zuerst erschienen im Westfalen-Blatt, 28. März 2026

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