16/02/2026 0 Kommentare
Unterwegs
Unterwegs
# Andacht

Unterwegs
„Der Mensch ist nicht das, was er von sich denkt, sondern das, wozu er unterwegs ist.“
Dieser Satz des Arztes und Philosophen Karl Jaspers wirkt wie ein Kommentar zur Gegenwart. Menschen entwerfen sich selbst, planen ihr Leben, inszenieren Gelingen. Doch die entscheidenden Erfahrungen entstehen selten am Schreibtisch, sondern auf den Wegen, die der Alltag vorgibt – oft ungefragt, manchmal widersprüchlich.
Der Wochenspruch für die vor uns liegende neue Woche greift dieses Motiv des
Unterwegsseins auf: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ (Lukas 18,31) Jesus geht diesen Weg bewusst. Sich auf den Weg machen ist eng verbunden mit Vertrauen: Am Morgen, wenn wir aufstehen und unseren Weg antreten, wissen wir nie, ob am Ende des Tages das Erhoffte erreicht wurde. Denn bei all unseren Planungen gibt es eine Unbekannte: das Leben selbst mit seiner eigenen Dynamik. Jesus geht seinen Weg, um zu vollenden, was verheißen ist – und damit auch unsere tiefe Sehnsucht nach Leben angesichts der Gefährdungen in unserem Alltagsleben.
Während sich mit dem Sonntag leise die Tür zur Passionszeit öffnet, erreicht der Karneval seinen Höhepunkt. In Brasilien, wo ich ihn derzeit erlebe, ist er ein Fest aus Musik, Tanz und Farben – eine Feier der Lebensfreude, wie sie gerade in der Musik verbunden mit Tanz sehr überzeugend zur Sprache kommt. Diese Leichtigkeit des Seins gehört zur Lebenswirklichkeit.
Doch der Alltag kennt auch Krankheit, Enttäuschung und Abschied. Aus meiner Arbeit in den Johanniter-Ordenshäusern habe ich eine Erfahrung mitgenommen, die mich weiter begleiten wird: Das größte Geheimnis des Lebens ist, glauben zu können, gerade dann, wenn alles dagegen zu sprechen scheint; unerfüllte
Wünsche, zerbrochene Sicherheiten. Estomihi – sei mein Fels – hält den Spannungsraum zwischen Leben und Glauben offen. Jesus geht den Weg nach Jerusalem bewusst. Und dieser schwere Weg steht unter einer Verheißung: Gott geht diesen Weg mit.
Dietrich Bonhoeffer hat diese Gewissheit in einem schlichten, alltagstauglichen Satz formuliert: „Gott erfüllt nicht all unsere Wünsche, aber all seine Verheißungen.“ Vielleicht liegt darin die Einladung dieses Sonntags: dem eigenen Weg zu trauen zwischen Leichtigkeit und Last. Am Aschermittwoch ist nicht alles vorbei. Nicht die Freude am Leben, die Hoffnung, die Nähe Gottes. Wir sehen nach vorne, auf den Weg, auf den uns Gott stellt.
Zuerst erschienen im Westfalen-Blatt, 14. Februar 2026
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