Musikgenuss zur Fastenzeit

Musikgenuss zur Fastenzeit

Musikgenuss zur Fastenzeit

# Kirchenmusik

Musikgenuss zur Fastenzeit

Die Musikalischen Vespern in Vlotho sind ein von Kantorin Līga Auguste-Meier erdachter Balanceakt: Abendgottesdienste, bei denen die Musik den Vortritt hat, aber die Botschaft dennoch rüberkommt. Auch am letzten Februarabend gelang das wieder mit Bravour. Die exzellent aufgelegten Musiker, die Kantorei St. Stephan und besonders József Opicz als Solist regten mit einem Programm rund um die Bachkantate „Gott soll allein mein Herze haben“ zum Nachdenken und Genießen an.

Eigentlich gehört sie in den Spätherbst: Bach hatte die Kantate im Oktober 1726 uraufgeführt, und sie passt in die Zeit, wenn das Wetter schlechter und die Tage kürzer werden. Denn es geht um die Abkehr von der Welt und die Umkehr zu Gott - passend also auch für die Fasten- und Passionszeit. Pfarrerin Christine Höke leitete mit Charme durch die im Gottesdienst dazu ausgesuchten Psalmenlesungen, Andachtsimpulse und Gebete.

Musikalisch wurde der Abend getragen von dem kleinen, sehr präzise und gleichzeitig erstaunlich warm spielenden Team um Simone Gisinger-Hirn: ein Projektorchester, das - so Christine Höke - schon nach kurzer Zeit wie ein echtes Ensemble wirkt. Neben den Streichern gaben Andrea Vilz und Rebecca Bröckel mit ihren Oboen dem Ensemble einen eigenen Charakter. Susanne Peukers Laute brachte dazu seltene Klänge, besonders in dem Werk, das Anfang und Ende der Vesper markierte: die Ouvertüre in F von Jan Dismas Zelenka. Der böhmische Barockkomponist wird nicht oft gespielt. Zu Unrecht, denn die Suite zeigte einen ganz eigenen Charakter, der dem Ensemble perfekt entgegenkam: verspielt, tänzerisch, aber auch warm und gut hörbar.

Sperriger hingegen die Bach-Kantate. Musikalisch und inhaltlich klingt sie für heutige Ohren fremdartig: „Stirb in mir, Welt“, die im Kern stehende Arie, erzählt von einem radikalen Bruch mit allem Weltlichen. Für József Opicz war sie die Krönung eines rundum gelungenen Abends: Er zeigte eine überraschende stimmliche und mimische Bandbreite, von seinem gefühlvollen Altus bis in ungewohnte Tiefen. Mit seiner emotionalen Wucht erinnerte das Stück an das berühmte „Erbarme Dich, mein Gott“ aus der Matthäus-Passion. Doch alle Teile der Kantate gaben den Musizierenden Gelegenheit, ihr Können zu beweisen, angefangen mit der Sinfonia, einer Bearbeitung eines verlorenen Konzerts aus Bachs früheren Jahren. Er hat den Anspruch beim Recycling nicht heruntergeschraubt, wie Līga Auguste-Meier betont: „Sie steht einem Instrumentalkonzert von Bach in nichts nach.“ Die Kantorin konnte auch in der zweiten Arie diese musikalische Klasse zeigen, mit einem virtuosen Part am Orgelpositiv.

Nicht nur József Opicz, auch die Kantorei brachte im Magnificat, dem zur Vesper gehörenden Lobgesang der Maria, ungewohnte Töne. Gesungen im gregorianischen Wechselgesang wurde hier eine untergegangene klösterliche Welt wieder hörbar. „Da muss man sich erst eingrooven“, kommentierte Pfarrerin Höke, die selbst in der Kantorei mitsingt, den Effekt auf ein modernes Publikum.

Im abschließenden Abendgesang des englischen Tudorkomponisten Thomas Tallis kam die Gemeinde in der gut gefüllten Kirche zum Zuge: Gemeinsam mit der Kantorei gesungen und von Kantorin Līga Auguste-Meier perfekt angeleitet spornte das letzte Stück des Abends auch die musikalischen Laien in den Bankreihen zu Höchstleistungen an. 

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