Im Keller

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# Andacht

Im Keller

Tim geht in den Keller. Die Stufen knarren. Diesmal hat er sich fest vorgenommen: Schluss mit dem Chaos, endlich ausmisten. Schon beim Öffnen der Kellertür schlägt ihm der typische Geruch entgegen – ein Gemisch aus Staub, Kälte und etwas Undefinierbarem, das es nur in Kellern gibt. 

Zwischen locker gestapelten, leeren Kartons, vergessenen Gartenmöbeln und halb zerdrückten Weihnachtskisten bahnt er sich den Weg. Auf einer alten Gartenliege lässt er sich nieder, wischt mit der Hand über den Stoff, der sich kühl und rau anfühlt und zieht eine prall gefüllte Kiste auf seinen Schoß. Als er den Deckel aufklappt, entweicht ein Schwall stickiger Luft und mit ihm eine Flut von Erinnerungen. Obenauf liegt ein beigefarbenes Modellauto. Kaum hält er es in den Händen, ist er wieder Kind. Er sieht seinen Vater vor sich, wie er ihm das Auto unter den Weihnachtsbaum schiebt. Das knarzen der Beifahrertür bringt ihn zurück in die Weihnachtsstube seiner Kindheit voller Tannenduft und Lichterglanz. 

Ganz unten im Karton, ein zerknitterter Liederzettel. Er weiß sofort, wozu er gehörte. Die Taufe seiner ersten Tochter. Was waren sie damals alle aufgeregt!

Dann der dicke, gelbe Brief. Der Umschlag gepolstert, die Handschrift so vertraut. Eine Freundin von früher – längst verstorben. Ein Stich geht durch sein Herz, als er ein paar Worte liest. Nachdenklich kramt er weiter. Ein Gemeindebrief taucht auf. Er weiß noch genau, warum er diesen einen nie wegwerfen wollte. Auf dem Deckblatt sein Konfirmationsspruch: 

„All eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ (1. Petrus 5,7)

Tim hält inne. Er spürt, wie ihn Trauer, Dankbarkeit und ein leises Lächeln zugleich durchströmen. All die Dinge in der Kiste – Erinnerungen an Zeiten, Menschen, Gefühle. Doch das, was bleibt, geht tiefer. Sein Glaube, getragen von Erlebnissen, von Begegnungen, von Gottes Nähe – zeitlos, unsichtbar und doch so spürbar. Dafür braucht er keine Kisten. Mit einem leisen Lächeln klappt Tim den Karton zu. Die Erinnerungen dürfen ruhen, er trägt sie in sich. Seinen Glauben, muss er nicht im Keller suchen – er begleitet ihn nach oben, zurück ins Leben, zurück ins Licht. 


Zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, 27. September 2025

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