Eine Welt aus 57 Gedichten

Eine Welt aus 57 Gedichten

Eine Welt aus 57 Gedichten

# Erwachsenenbildung

Eine Welt aus 57 Gedichten
Highlights
  • Ursula Kurze brachte mit Gesang und Gitarre Leben und Werk der jungen jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger näher.
  • Ein Heft mit 57 Gedichten von Meerbaum-Eisinger überlebte Krieg und Verfolgung und sicherte ihr einen Platz in der Literaturgeschichte.
  • Das Konzert verband persönliche Einblicke, Musik und Geschichte und weckte neues Interesse beim Publikum.



Nur eine Gitarre und eine Handvoll Gedichte mit auf den ersten Blick banalen Titeln wie „Frühling“: Das waren die Zutaten für eine musikalische Reise in die Bukowina der Vorkriegszeit und das Leben der jungen jüdischen Dichterin Selma Meerbaum-Eisinger (1924 - 1942). Bei ihrem Auftritt in der Auferstehungskirche in Dehme begeisterte die Dresdnerin Ursula Kurze ihr Publikum.

„Selma Meerbaum-Eisingers kurzes Leben zeigt, was an jungen Dichtern verloren ging“, stellt Ursula Kurze fest, „an denen, die nur einen Name unter sechs Millionen Ermordeten haben, aber keinen in der Literaturgeschichte.“ Mit viel Glück hat Meerbaum-Eisingers Name und Werk überlebt, dank eines knappen Hefts mit 57 Gedichten. Begonnen als Poesiealbum eines literarisch begabten 15-jährigen Mädchens aus der deutsch-jüdischen Welt der Bukowina, vor der Verschleppung ins Arbeitslager einer Freundin zugesteckt, vom geliebten Freund im Lager in der Häftlingskleidung versteckt, erreichte das Heft schließlich Israel und sicherte Meerbaum-Eisingers Platz in der Literaturgeschichte. 

Ursula Kurze konnte bereits mehrere, oft deutsch-jüdische Dichter in musikalischen Lesungen in der Region, in der Synagoge Herford und der reformierten Kirche St. Johannis in Vlotho vorstellen. Nur mit ihrer Stimme und virtuosem Gitarrenspiel ließ sie jetzt Meerbaum-Eisinger in Dehme aufleben. Die Dresdnerin hatte Selma Meerbaum-Eisinger schon vor der Wende entdeckt und früh angefangen, Gedichte der in der DDR verpönten Dichterin bei den Friedensdekaden vorzutragen. Der Abend in Dehme zeigte ihren tiefen persönlichen Bezug: „Sie ist mir wie eine Schwester geworden“, gibt Kurze zu.

Mit ihrem Gesang, Textauszügen, Erklärungen und eigenen Erinnerungen entführte Kurze das Publikum ins noch KuK-angehauchte Czernowitz der Vorkriegszeit. Genaue Naturbeobachtung kennzeichnen Meerbaum-Eisingers impressionistische Gedichte. Abendrot, Frühlingsfrische, trockene Spätsommer an der Pruth, selbst Kastanien tauchen da auf und immer wieder Regen, als Spiegel ihrer Empfindungen. Dahinter stecken für das junge Alter der Dichterin erstaunlich reife Einblicke in ihr Seelenleben. In Dehme erlebt das Publikum durch Ursula Kurzes Vortrag unbeschwerte Jugendtage auf der Habsburgerhöhe hinter Meerbaum-Eisingers Geburtshaus und dann plötzlich, auch musikalisch hart einschneidend, die Vorzeichen von Krieg, Terror und Verschleppung. Zwischen den Versen spielt sich ihre Gitarre frei, und Ursula Kurze begeisterte mit ihrem Spiel, das ganz andere Klangwelten aus dem bekannten Instrument lockte.

Über anderthalb Stunden begleiteten die Anwesenden Leben und Werk von Meerbaum-Eisinger. Es war eine eindrucksvolle Einleitung, aber nicht ausreichend selbst für das kleine Oeuvre einer Dichterin, die mehr Bekanntheit verdient. Pfarrerin Katja Jochum hatte zur Einleitung gestanden, dass sie den Namen auch erst habe lernen müssen. Nicht nur sie verlies das Konzert mit neuen Interesse an der jungen Frau aus Czernowitz.

Das Konzert wurde von der Kirchengemeinde Eidinghausen-Dehme mit der Ev. Erwachsenenbildung, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und dem Arbeitskreis Juden und Christen im Kirchenkreis Vlotho ausgerichtet. Statt Eintritt bat Pfarrer Wilfried Reuter um Spenden für den Wiederaufbau des 2022 von der Hamas angegriffenen Kibbutz Nir Oz.

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