27/07/2026 0 Kommentare
Licht weitergeben
Licht weitergeben
# Andacht

Licht weitergeben
Manche Sätze überdauern Generationen, weil sie etwas aussprechen, das Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen wiedererkennen. Sie verschweigen die Schattenseiten des Lebens nicht und eröffnen dennoch einen Horizont der Hoffnung. Zu diesen Sätzen gehört ein Gedanke von Hannah Arendt: „Auch in finsteren Zeiten haben wir das Recht zu erwarten, dass etwas Licht kommt.“
Gerade in diesen Tagen berührt dieser Gedanke. Die täglichen Nachrichten erzählen von kriegerischen Auseinandersetzungen, gesellschaftlichen Spannungen und wirtschaftlichen Unsicherheiten. Aber auch im persönliche Leben gibt es Nächte: eine beunruhigende Diagnose, die Sorge um einen nahestehenden Menschen, das Gefühl von Einsamkeit oder die Frage, wie es beruflich oder familiär weitergehen soll. Nicht jede Dunkelheit ist sichtbar. Viele Menschen tragen sie still mit sich.
Mitten in diese Lebenswirklichkeit hinein spricht Paulus einen Satz, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat: „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Epheser 5,8b-9). Paulus fordert keine Weltverbesserung im großen Stil. Er lädt ein, ja er ermutigt zu einer Lebenshaltung, die aus der Glaubenswirklichkeit wachsen will.
Licht beginnt selten spektakulär. Stellen Sie sich einfach vor, wie in einem abgedunkelten Raum ein kleines entzündetes Teelicht der Dunkelheit ihre Macht nimmt. Und bei Paulus geht es nicht nur um das Licht, das entzündet wird. Er kennt ein Licht, das oft in kleinen Gesten des Alltags zum Leuchten kommen will, aber leicht übersehen wird und doch den Unterschied macht.
Vielleicht ist es die Verkäuferin, die einem gestressten Kunden mit Freundlichkeit begegnet. Der Nachbar, der nicht nur flüchtig grüßt, sondern von Herzen fragt, wie es einem wirklich geht. Der Kollege, der zuhört, bevor er urteilt. Die Pflegekraft, die sich trotz Zeitdruck einen Augenblick nimmt, um einem Menschen das Gefühl zu geben, gesehen zu werden. Oder der Mensch, der Mut findet, sich zu entschuldigen und einen ersten Schritt auf den anderen zugeht.
Und Paulus beschreibt die Frucht dieses Lichtes mit drei einfachen Worten: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Güte sieht im anderen mehr als seine Schwächen. Gerechtigkeit fragt nicht zuerst nach dem eigenen Vorteil, sondern danach, was dem anderen gerecht wird. Wahrheit bedeutet, ehrlich zu leben – ohne Masken, aber auch ohne sich selbst oder andere vorschnell zu verurteilen.
Darin will sich die Stärke des christlichen Glaubens zeigen und zu einer gestaltenden Wirklichkeit im Leben, im Alltag werden. Er lädt nicht zuerst dazu ein, Außergewöhnliches zu leisten. Er ermutigt dazu, das Gewöhnliche mit einer anderen Haltung zu leben.
Wer Licht weitergibt, muss kein Held sein. Oft genügt ein offenes Ohr, ein freundliches Wort oder die Bereitschaft, einem Menschen Zeit zu schenken. Solche Augenblicke verändern vielleicht nicht die ganze Welt – aber sie verändern die Welt eines Menschen. Christlicher Glaube lebt von der Überzeugung, dass wir dieses Licht nicht aus eigener Kraft hervorbringen müssen. Es wird uns geschenkt. Und deshalb können wir es weitergeben. Nicht laut, nicht aufdringlich, sondern so, wie eine Kerze einen Raum erhellt und Wärme ausstrahlt. Ohne viele Worte.
Dietrich Bonhoeffer, der selbst durch die Dunkelheit seiner Zeit gegangen ist, hat diese Hoffnung in Worte gefasst, die bist heute Menschen begleiten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und gewiss an jedem neuen Tag.“
Vielleicht ist das die stille Einladung dieses Wochenendes. Den Blick nicht nur auf das zu richten, was dunkel ist, sondern auch auf das Licht, das uns begegnet – und darauf zu vertrauen, dass wir selbst für andere ein wenig von diesem Licht weitergeben können. In diesem Sinne wünsche ich uns ein gesegnetes Wochenende, mit offenen Augen für das Licht, das uns begegnet und den Mut gibt, selbst durch Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit ein wenig Licht in das Leben anderer zu bringen.
Zuerst erschienen im Westfalen-Blatt, 25. Juni 2026
LICHT WEITERGEBEN
Manche Sätze bleiben lange in Erinnerung.
Sie sprechen etwas aus, das viele Menschen kennen.
Auch wenn ihr Leben ganz unterschiedlich ist.
Solche Sätze verschweigen die schweren Seiten des Lebens nicht.
Aber sie machen auch Hoffnung.
Zu diesen Sätzen gehört ein Gedanke von Hannah Arendt.
Sie sagt:
„Auch in finsteren Zeiten haben wir das Recht zu erwarten, dass etwas Licht kommt.“
Dieser Gedanke berührt mich besonders in diesen Tagen.
In den Nachrichten hören wir jeden Tag von Kriegen.
Wir hören von Streit in der Gesellschaft.
Wir hören von Sorgen um die Wirtschaft.
Auch im eigenen Leben gibt es dunkle Zeiten.
Vielleicht bekommt ein Mensch eine schwere Diagnose.
Vielleicht machen wir uns Sorgen um einen Menschen, der uns wichtig ist.
Vielleicht fühlen wir uns allein.
Vielleicht wissen wir nicht, wie es in unserem Beruf weitergeht.
Oder wir wissen nicht, wie es in unserer Familie weitergeht.
Nicht jede Dunkelheit kann man sehen.
Viele Menschen tragen ihre Sorgen still mit sich.
In diese Lebenswirklichkeit hinein spricht Paulus.
Er sagt:
„Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichtes ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“
(Epheser 5,8b–9)
Paulus sagt nicht:
Du musst die ganze Welt verändern.
Er lädt uns zu einer anderen Haltung ein.
Diese Haltung wächst aus dem Glauben.
Licht beginnt nur selten mit etwas Großem.
Stell dir einen dunklen Raum vor.
In diesem Raum brennt ein kleines Teelicht.
Das Licht ist klein.
Aber es macht die Dunkelheit heller.
Paulus denkt auch an ein solches Licht.
Dieses Licht kann in kleinen Dingen im Alltag sichtbar werden.
Manchmal übersehen wir diese kleinen Dinge.
Aber sie können viel verändern.
Vielleicht ist es eine Verkäuferin.
Sie begegnet einem gestressten Kunden freundlich.
Vielleicht ist es ein Nachbar.
Er grüßt nicht nur kurz.
Er fragt ehrlich:
Wie geht es dir wirklich?
Vielleicht ist es ein Kollege.
Er hört erst zu.
Er urteilt nicht sofort.
Vielleicht ist es eine Pflegekraft.
Sie hat wenig Zeit.
Trotzdem nimmt sie sich einen Augenblick für einen Menschen.
Der Mensch spürt:
Ich werde gesehen.
Oder vielleicht findet ein Mensch den Mut, sich zu entschuldigen.
Er macht den ersten Schritt auf einen anderen Menschen zu.
Paulus nennt drei Dinge, die aus diesem Licht wachsen:
Güte.
Gerechtigkeit.
Wahrheit.
Güte bedeutet:
Ich sehe in einem anderen Menschen mehr als seine Fehler.
Gerechtigkeit bedeutet:
Ich denke nicht zuerst an meinen eigenen Vorteil.
Ich frage:
Was ist für den anderen Menschen richtig und gut?
Wahrheit bedeutet:
Ich bin ehrlich.
Ich muss mich nicht verstecken.
Aber ich verurteile mich und andere auch nicht zu schnell.
So kann der christliche Glaube im Alltag sichtbar werden.
Er lädt uns nicht zuerst dazu ein, etwas Besonderes zu leisten.
Er ermutigt uns:
Lebt euren Alltag mit einer anderen Haltung.
Wer Licht weitergibt, muss kein Held sein.
Oft reicht ein offenes Ohr.
Oft reicht ein freundliches Wort.
Oder wir schenken einem Menschen unsere Zeit.
Solche Momente verändern vielleicht nicht die ganze Welt.
Aber sie können die Welt eines Menschen verändern.
Der christliche Glaube sagt:
Wir müssen dieses Licht nicht selbst machen.
Gott schenkt uns dieses Licht.
Darum können wir es weitergeben.
Nicht laut.
Nicht aufdringlich.
So wie eine Kerze einen Raum hell macht.
Und Wärme schenkt.
Ganz ohne viele Worte.
Dietrich Bonhoeffer hat selbst eine dunkle Zeit erlebt.
Er hat diese Hoffnung in Worte gefasst.
Viele Menschen finden bis heute Trost in diesen Worten:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und gewiss an jedem neuen Tag.“
Vielleicht ist das die Einladung für dieses Wochenende:
Wir sollen nicht nur auf das Dunkle schauen.
Wir sollen auch das Licht sehen, das uns begegnet.
Und wir dürfen darauf vertrauen:
Auch wir können anderen Menschen etwas von diesem Licht weitergeben.
Ich wünsche uns ein gesegnetes Wochenende.
Ich wünsche uns offene Augen für das Licht, das uns begegnet.
Und ich wünsche uns Mut.
Mut, anderen Menschen durch Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit etwas Licht zu schenken.
Dieser Text stand schon im Westfalen-Blatt, 25. Juni 2026
PASSING ON THE LIGHT
Some sentences live on through the generations because they express something that people recognise in very different situations in life. They do not hide the darker sides of life, and yet they open up a horizon of hope. One such thought comes from Hannah Arendt: ‘Even in the darkest of times we have the right to expect some illumination.’
These words speak to me particularly strongly at this time. The daily news tells of armed conflicts, tensions within society and economic uncertainty. But there are nights in our personal lives, too: a worrying diagnosis, concern for someone close to us, a feeling of loneliness, or the question of what lies ahead in our professional or family life. Not every darkness is visible. Many people carry it silently within them.
It is into this reality of human life that Paul speaks a sentence which has lost none of its power: ‘Live as children of light; for the fruit of the light consists in all goodness, righteousness and truth.’ (Ephesians 5.8b–9). Paul is not calling for some grand attempt to put the whole world right. Instead, he invites us – indeed, he encourages us – to adopt an attitude to life that seeks to grow out of the reality of faith.
Light rarely begins with anything spectacular. Just imagine a small lit tea light in a darkened room, taking away some of the darkness's power. And for Paul, it is not only about the light that is kindled. He knows of a light that seeks to shine in the small gestures of everyday life – gestures that are easily overlooked, and yet make all the difference.
Perhaps it is the shop assistant who responds with kindness to a stressed customer. The neighbour who does not simply offer a passing greeting, but genuinely asks how we are. The colleague who listens before passing judgement. The care worker who, despite being pressed for time, takes a moment to make someone feel that they have been seen and noticed. Or the person who finds the courage to say sorry and takes the first step towards another.
And Paul describes the fruit of this light in three simple words: goodness, righteousness, and truth. Goodness sees more in another person than their weaknesses. Righteousness does not ask first what is to our own advantage, but what is right and just for the other person. Truth means living honestly, without masks, but also without rushing to condemn ourselves or others.
This is where the strength of Christian faith is meant to reveal itself, becoming a reality that shapes our lives and our everyday existence. It does not begin by inviting us to achieve something extraordinary. It encourages us to live the ordinary things of life with a different attitude.
Those who pass on the light do not have to be heroes. Often, an attentive ear is enough, a kind word, or the willingness to give someone the gift of our time. Such moments may not change the whole world, but they can change the world of one person. Christian faith rests on the conviction that we do not have to create this light by our own strength. It is given to us. And therefore we can pass it on. Not loudly, not intrusively, but in the way a candle brightens a room and gives off warmth. Without many words.
Dietrich Bonhoeffer, who himself lived through the darkness of his own time, put this hope into words that continue to accompany people to this day: ‘By gracious powers so wonderfully sheltered, we face each day with hope, whatever may come. God is with us in the evening and morning, and certainly on each new day.’
Perhaps this is the quiet invitation of this weekend. Not to focus our gaze only on what is dark, but also on the light that meets us – and to trust that we ourselves can pass on a little of that light to others.
With this in mind, I wish us all a blessed weekend, with open eyes for the light that we encounter, and with the courage to bring a little light into the lives of others through goodness, righteousness, and truth.
Published first in the Westfalen-Blatt, 25 June 2026
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