Wenn Stürme kommen

Wenn Stürme kommen

Wenn Stürme kommen

# Andacht

Wenn Stürme kommen
    

Am vergangenen Samstag war ich mit einem Teil meiner Familie nach Jahren endlich mal wieder beim Segeln, auf dem Dümmer See, ein spät von mir eingelöster Geschenk-Gutschein meiner Kinder. Ein herrlicher Tag, trotz meiner etwas eingerosteten Segelkenntnisse. Sommer, Sonne, angenehme Temperaturen, der Wind war in der ersten Zeit noch schwach, so dass wir uns erstmal wieder einfinden konnten. Dann aber frischte er auf wie bestellt, so dass wir auch richtig durchs Wasser rauschten. Dazwischen aber erwischte uns nach einer Zeit der Flaute (und Picknick an Bord…) plötzlich eine kräftige Böe, die unser Boot stark krängen und meine „Mannschaft“ erschrocken kreischen ließ. Nichts passiert, aber der Schreck saß.

Als alter Theologe musste ich natürlich gleich an Jesus und die Jünger auf dem See denken. Für ein altes Wüstenvolk in relativ trockener Umgebung hatte das Wasser schon immer etwas Unheimliches, Unberechenbares gehabt. Das Tote Meer zählt mit seinem Salzgehalt nicht wirklich, und sonst gibt es neben dem Fluß Jordan (und dem Mittelmeer natürlich) im Land nur den See Genezareth, der allerdings für seine plötzlichen, tückischen Fallwinde berüchtigt ist.

Die Jünger, mit Jesus auf dem See unterwegs, erlebten damals das Gleiche wie wir, aber viel extremer. Ihr Boot wurde immer wieder auf die Seite gedrückt, sie schrien und hatten Todesangst – aber Jesus stillt damals wunderbar den Sturm, sie dürfen sich bewahrt wissen. Nicht Jesu (vermutlich auch eher laienhafte) Seemannskunst, sondern sein wirksames Wort lassen sie spüren: Hier ist Gott selber am Werk, wir sind getragen.

Abends am vergangenen Samstag dann Nachrichten. Attentat auf dem Christopher Street Day in Berlin. Eine Tote, 29 Personen teils schwer verletzt. Trotz der Sicherheitsmaßnahmen. Und sofort schlagen auch in den sozialen Medien die Wellen hoch.

Nach den Erlebnissen des Tages fühle ich mich wieder, als wenn eine kräftige Böe mein gerade noch so friedliches Lebensschiffchen auf die Seite legt. Und so ging es an diesem Wochenende wohl vielen Menschen, die eigentlich mit dem CSD gar nicht viel zu tun hatten. Schuld-, Verantwortungs- und Gesinnungszuweisungen, unterschiedliche politische Lager versuchen, sich einzuschalten… All das nutzt der Verstorbenen, den Trauernden, den Verletzten und Traumatisierten nicht viel. Und auch die Frage, wie Gott das zulassen konnte, greift eigentlich zu kurz.

Ich bin stattdessen wieder bei Jesus. Teil seiner Mission damals war: wenden wir uns mit Gott gegen Hass, gegen Vorbehalte bei Anderssein, gegen althergebrachte Vorurteile. Schauen wir auf andere Menschen stattdessen immer mit den Augen Gottes, die im Anderen immer auch das geliebte Kind Gottes sehen. Dann glätten sich die Wogen. Dann beruhigen sich die Stürme. Dann richten sich die krängenden Boote wieder auf. Und wenn das alle tun - haben weder Hass noch Angst eine Chance. Das, davon bin ich überzeugt, ist Gottes Plan für uns.

Zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, 1. August 2026

   

Wenn Stürme kommen

Am vergangenen Samstag war ich mit einem Teil meiner Familie segeln.

Nach vielen Jahren war ich endlich wieder auf einem Segel-Boot.

Wir waren auf dem Dümmer See.

Die Fahrt war ein Geschenk von meinen Kindern.

Den Gutschein hatte ich erst viele Jahre später eingelöst.

Es war ein wunderschöner Tag.

Meine Kenntnisse vom Segeln waren etwas eingerostet.

Aber das war nicht schlimm.

Es war Sommer.

Die Sonne schien.

Die Temperaturen waren angenehm.

Zuerst war der Wind schwach.

So konnten wir uns langsam wieder an das Segeln gewöhnen.

Später wurde der Wind stärker.

Wir konnten richtig schnell über das Wasser fahren.

Dann wurde es wieder ganz ruhig.

Wir machten ein Picknick auf dem Boot.

Plötzlich kam eine starke Wind-Böe.

Unser Boot wurde stark zur Seite gedrückt.

Meine Familie bekam einen großen Schreck.

Einige schrien vor Angst.

Aber es ist nichts passiert.

Wir waren alle sicher.

Trotzdem blieb der Schreck.

Ich bin Pfarrer.

Deshalb musste ich sofort an eine Geschichte aus der Bibel denken.

Die Geschichte erzählt von Jesus und seinen Jüngern auf einem See.

Die Menschen in der Zeit von Jesus hatten großen Respekt vor dem Wasser.

Sie lebten in einer Gegend mit wenig Wasser.

Wasser konnte ihnen unheimlich sein.

Es konnte plötzlich gefährlich werden.

Auch Jesus und seine Jünger waren auf einem See unterwegs.

Der Wind wurde immer stärker.

Das Boot wurde von den Wellen hin und her bewegt.

Die Jünger bekamen große Angst.

Sie dachten, dass sie sterben könnten.

Aber Jesus stillte den Sturm.

Die Jünger waren gerettet.

Sie spürten:

  • Gott ist bei uns.
  • Wir sind nicht allein.
  • Gott trägt uns.

Am Abend bekam ich dann schlimme Nachrichten.

Beim Christopher Street Day in Berlin hatte es einen Angriff gegeben.

Ein Mensch war gestorben.

29 Menschen wurden verletzt.

Einige von ihnen waren schwer verletzt.

Das geschah trotz der Sicherheits-Maßnahmen.

Auch in den sozialen Medien gab es sofort viele Reaktionen.

Nach diesem Tag fühlte ich mich wieder wie auf einem Boot.

Eine starke Wind-Böe hatte mein ruhiges Boot zur Seite gedrückt.

So fühlten sich an diesem Wochenende vermutlich viele Menschen.

Auch Menschen, die mit dem Christopher Street Day eigentlich wenig zu tun hatten.

Viele Menschen suchten sofort nach Schuldigen.

Andere fragten, wer die Verantwortung trägt.

Auch politische Gruppen mischten sich ein.

Aber das hilft den Menschen nicht, die gestorben sind.

Es hilft auch den Angehörigen nicht.

Und es hilft den verletzten Menschen nicht.

Auch die Frage nach Gott greift zu kurz:

Warum hat Gott das zugelassen?

Ich denke stattdessen wieder an Jesus.

Jesus zeigt uns einen anderen Weg.

Wir sollen uns gemeinsam mit Gott gegen Hass stellen.

Wir sollen Menschen nicht ablehnen, weil sie anders sind.

Wir sollen alte Vorurteile hinter uns lassen.

Wir sollen andere Menschen mit den Augen Gottes sehen.

Für Gott ist jeder Mensch ein geliebtes Kind.

Wenn wir so auf andere Menschen schauen, wird vieles ruhiger.

Die Wellen werden kleiner.

Die Stürme werden schwächer.

Die Boote richten sich wieder auf.

Wenn alle Menschen so handeln, haben Hass und Angst keine Chance.

Davon bin ich überzeugt.

Ich glaube:

Das ist Gottes Plan für uns.

Dieser Text stand schon in der Neuen Westfälischen, 1. August 2026

When storm clouds gather

Last Saturday, I finally went sailing again with some of my family after many years, on Lake Dümmer. The trip was a present from my children that I had taken rather a long time to act on. It was a wonderful day, despite my somewhat rusty sailing skills. Summer, sunshine, and pleasant temperatures; the wind was still light at first, giving us time to find our feet again. Then, as if on cue, it picked up, and we were soon rushing properly across the water. But after another spell of calm (and a picnic on board…), we were suddenly caught by a powerful gust that heeled our boat over sharply and made my ‘crew’ let out some rather frightened screams. Nothing happened, but it was a shock.

As an old churchman, I naturally thought at once of Jesus and his disciples on the lake. For an ancient desert people living in a relatively dry environment, water had always held something unsettling and unpredictable. The Dead Sea, with its high salt content, does not really count, and apart from the River Jordan (and the Mediterranean, of course), the land has only the Sea of Galilee – which, however, is notorious for its sudden and treacherous downdraughts.

The disciples, travelling with Jesus on the lake, experienced something similar to what we did, but far more intensely. Their boat was repeatedly forced over on its side; they cried out in fear and were terrified for their lives, but Jesus miraculously calmed the storm, and they were able to know that they had been kept safe. It was not Jesus' presumably untrained seamanship, but the power of his word that made them realise: God himself is at work here. We are being carried.

Then, on Saturday evening, came the news. A terrorist attack at the Christopher Street Day parade in Berlin. One person dead, 29 people injured, some of them seriously. Despite the security measures that had been put in place. And immediately the waves began to rise on social media as well.

After everything I had experienced that day, I felt once again as though a powerful gust had suddenly thrown my little life-boat, which had been sailing so peacefully only moments before, over on its side. And I suspect that many people felt the same way that weekend, even those who had little to do with Christopher Street Day themselves. Accusations of guilt and responsibility, attempts to assign motives and political positions, different political camps seeking to make their voices heard… None of this does much for the person who has died, for those who are grieving, for the injured or for those who have been traumatised. And even the question of how God could have allowed this to happen does not really go far enough.

Instead, I find myself thinking of Jesus again. Part of his mission then was this: let us stand with God against hatred, against prejudice towards those who are different, against the prejudices that have been handed down through generations. Let us instead always look at other people through God's eyes, eyes that see in every other person a beloved child of God. Then the waves begin to subside. Then the storms grow calm. Then the boats that have been heeled over begin to right themselves again. And if everyone were to do this, then neither hatred nor fear would stand a chance. That, I am convinced, is God's plan for us.

Published first in the Neue Westfälische, 1 August 2026

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