Niemals geht man so ganz

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Niemals geht man so ganz

# Andacht

Niemals geht man so ganz


Wenn ich an meinen Vater denke, dann spüre ich den frischen Sommerwind in meinem Gesicht und höre seine warme, ruhige Stimme, die mir im Hin und Her der Hängematte vorliest.

Mein Vater ist tot.

„Niemals geht man so ganz.“ „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert“.

Ja, mein Vater ist nicht mehr auf dieser Welt. Nie habe ich ihn in meinem Leben so lange nicht gesehen. Ganz egal wo ich auf dieser Welt auch war. Meine Seele hatte es irgendwie begreifen müssen: Es ist ein Abschied für länger. Aber auch, je länger mein Vater tot war, desto mehr war er zu einem Teil meines alltäglichen Lebens geworden. Ich fing an, ihn in meiner eigenen Stimme zu hören, wenn ich abends meinen Kindern vorlas. Auch fand ich ihn in meinem Ärger über mich selbst, Dinge schnell erledigen zu wollen, damit sie nicht mehr drücken und ich fand ihn in meiner bedingungslosen Liebe meiner Familie gegenüber.

Am Sonntag feiern wir Pfingsten. Ein Feiertag, der sich mit der Frage befasst: Was bleibt, wenn Gottes Sohn stirbt und diese Welt verlassen hat. Was ist sein Erbe für uns, die wir hier noch unsere Lebenszeit verbringen?

„Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“, „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht!“, „Lasst die Kinder zu mir kommen!“, „Der Geringste unter euch sei der Größte!“, „Liebt euren Nächsten wie euch selbst!“ Diese Worte von Jesus habe ich im Ohr, wenn ich an das, was ich von ihm gehört und gelesen habe denke. Sie geben für mich am meisten von dem wieder wie er wohl gewesen sein mag und was seine Message an uns war: Gott verzeiht. Vor Gott zählt jeder und jede und auf die Liebe kommt es an. Immer wieder neu auch wenn sie manchmal verloren gegangen zu sein scheint.

Jesus hat diese Welt verlassen, aber er hat uns auch seinen Heiligen Geist zurückgelassen. Er ist in einem jeden und einer jeden von uns. Er hält die Erinnerung an Jesu Worte wach und er verbindet uns untereinander und vielleicht ist er auch im Wind, wenn ich in meiner Hängematte liege und in der Liebe, die ich geben und auch heute noch empfangen darf. Amen.

Zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, 23. Mai 2026

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