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# Andacht

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Der Sommerurlaub ist für mich eine Zeit, Kultur zu tanken. Ich besuche Museen, gehe ins Kino, schaue Städte an. Die Theater machen Sommerpause, aber wenn ich im Café sitze, ersetzen die vorbeilaufenden Menschen manche Aufführung.

Die verschiedenen Eindrücke, die ich aufnehme, gehen in meinem Herzen und Hirn spazieren. Sie verbinden sich auf abenteuerliche Weise miteinander. Im Urlaub dürfen sie das!

In einem Schweizer Museum hängt an zarten Stecknadeln ein Hauch von Stoff an der Wand. Eine Jacke, wie aus dünnen Nädelchen gewebt: fast verschwunden. Ich denke an die Verfolgten des Naziregimes, deren Geschichte im Museum des deutschen Widerstands in Berlin dargestellt sind. Versteckt in Kellern mit winzigen Zugängen hinter der Werkbank, auf Dachböden mit getarnten Zugängen oder in Heuschobern auf abgelegenen Bauernhöfen. Fast verschwunden. Kaum vorstellbar, wie sich das anfühlt!

Wie mutig waren die, die Menschen versteckt haben. Wem konnten sie vertrauen? Wäre Vertrauen zu anderen eine notwendige Voraussetzung für mehr Widerstand gewesen? Ein Wissen darum, nicht allein zu stehen mit der kritischen Meinung.

Wie ist das heute? Können sich die Menschen, die gerade an meinem Cafétisch vorbeilaufen, aufeinander verlassen, oder wenigstens auf einen gesellschaftlichen Konsens? Wie schnell es geht, uns auseinander zu dividieren, ganze Gruppen von Menschen lächerlich zu machen, sehe ich beklommen im Kino.

„Was haben wir gelacht“ heißt der Film, der den Kampf von Kabarettistinnen um das Recht auf eigenen Humor und eine Bühne darstellt. Über Jahrzehnte der Fernsehgeschichte werden sie als hübsche Dekoration, als Körper zum Anfassen definiert und tatkräftig belächelt. So leicht geht das, so schwer ist es zu ändern.

Im Sommerurlaub lehne ich mich zurück. Ich habe frei, muss keine Haltung zeigen. Aber ich denke nach, lasse die Eindrücke und Gedanken sich verbinden. Ich treffe die Philosophiestudentin, alte Studienfreunde, die jungen Eltern und das schwule Paar. Wir reden, tauschen Gedanken, Sorgen, leicht-sinnige Hoffnungen. Wir verbinden uns. Binden uns zurück an das, was hält; das bedeutet das Wort Religion (von re-ligio).

Am Esstisch, in der U-Bahn, im Museum, beim Milchkaffee. Die zwei jungen Männer waren gestern beim CSD im Tiergarten, in der Nähe des Anschlags. Das alles ist nicht weit weg, es betrifft mich und Menschen, die ich kenne. Auch im Sommerurlaub.

Was geht Ihnen in diesem Sommer durch Kopf und Herz? Verbindet es Sie mit anderen Menschen? Mit den besten Wünschen dafür

Ihre Dorothea Goudefroy, Superintendentin des Ev. Kirchenkreises Vlotho

Zuerst erschienen im Westfalen-Blatt, 15. August 2026

   

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Der Sommer-Urlaub ist für mich eine Zeit für Kultur.

Ich besuche Museen.

Ich gehe ins Kino.

Ich schaue mir Städte an.

Die Theater haben im Sommer Pause.

Aber auch im Café gibt es viel zu sehen.

Menschen gehen an meinem Tisch vorbei.

Manchmal ist das fast wie eine Theater-Aufführung.

Im Urlaub habe ich Zeit zum Nachdenken.

Viele Eindrücke gehen mir durch den Kopf.

Auch in meinem Herzen bleiben sie.

Die verschiedenen Gedanken verbinden sich miteinander.

Manchmal auf überraschende Weise.

Im Urlaub dürfen meine Gedanken das.

In einem Museum in der Schweiz sehe ich etwas Besonderes.

An kleinen, feinen Nadeln hängt ein Stück Stoff an der Wand.

Es sieht fast aus wie eine Jacke.

Aber die Jacke besteht nur aus sehr dünnen Nadeln.

Sie ist fast verschwunden.

Das erinnert mich an Menschen, die während der Zeit des National-Sozialismus verfolgt wurden.

Ihre Geschichte wird im Museum des deutschen Widerstands in Berlin erzählt.

Manche dieser Menschen mussten sich verstecken.

Sie versteckten sich in Kellern.

Der Eingang war sehr klein.

Manchmal lag er hinter einer Werkbank.

Andere versteckten sich auf Dach-Böden.

Der Eingang war dort gut versteckt.

Manche Menschen versteckten sich in Heu-Scheunen auf abgelegenen Bauern-Höfen.

Fast verschwunden.

Kaum vorstellbar, wie sich das angefühlt haben muss.

Die Menschen, die andere versteckt haben, waren sehr mutig.

Aber wem konnten sie vertrauen?

Vielleicht brauchen Menschen Vertrauen, wenn sie gemeinsam Widerstand leisten wollen.

Es kann helfen zu wissen:

Ich bin mit meiner Meinung nicht allein.

Wie ist das heute?

Kann man sich auf andere Menschen verlassen?

Oder können wir wenigstens auf gemeinsame Regeln in unserer Gesellschaft vertrauen?

Im Kino sehe ich, wie schnell Menschen gegeneinander aufgebracht werden können.

Ganze Gruppen von Menschen können lächerlich gemacht werden.

Das macht mir Sorgen.

Der Film heißt „Was haben wir gelacht“.

Er erzählt von Frauen aus dem Kabarett.

Sie kämpfen für das Recht, ihren eigenen Humor zu zeigen.

Sie wollen auf einer Bühne stehen.

Über viele Jahrzehnte wurden Frauen im Fernsehen oft anders behandelt.

Sie wurden als schöne Dekoration gezeigt.

Ihr Körper wurde zum Mittelpunkt gemacht.

Man machte sich über sie lustig.

Das kann sehr schnell passieren.

Aber es ist schwer, solche Dinge zu verändern.

Im Sommer-Urlaub kann ich mich zurücklehnen.

Ich habe frei.

Ich muss keine bestimmte Haltung zeigen.

Aber ich denke nach.

Ich lasse meine Eindrücke und Gedanken miteinander verbinden.

Ich treffe verschiedene Menschen.

  • Eine Studentin der Philosophie.
  • Alte Freunde aus meiner Studien-Zeit.
  • Junge Eltern.
  • Ein schwules Paar.

Wir reden miteinander.

Wir tauschen Gedanken aus.

Wir erzählen von unseren Sorgen.

Wir sprechen auch über Hoffnungen.

Wir verbinden uns miteinander.

Wir erinnern uns an das, was uns Halt gibt.

Das steckt auch im Wort Religion.

Das Wort kommt von „re-ligio“.

Es bedeutet:

zurück-binden.

Wir können uns an etwas binden, das uns Halt gibt.

Am Esstisch.

In der U-Bahn.

Im Museum.

Beim Milch-Kaffee.

Die zwei jungen Männer waren gestern beim Christopher Street Day im Tiergarten.

Sie waren in der Nähe des Anschlags.

Das alles ist nicht weit weg.

Es betrifft mich.

Es betrifft Menschen, die ich kenne.

Auch im Sommer-Urlaub.

Was geht Ihnen in diesem Sommer durch den Kopf und durch das Herz?

Verbindet es Sie mit anderen Menschen?

Das wünsche ich Ihnen von Herzen.

Ihre Dorothea Goudefroy

Superintendentin des Ev. Kirchen-Kreises Vlotho

Dieser Text stand schon im Westfalen-Blatt, 15. August 2026

Connections

For me, the summer holidays are a time for taking in culture. I visit museums, go to the cinema and explore cities. The theatres are on their summer break, but when I sit in a café, the people passing by sometimes provide a substitute for a performance.

The different impressions I take in wander around in my heart and mind. They connect with one another in adventurous and unexpected ways. On holiday, they are allowed to do that!

In a Swiss museum, a delicate wisp of fabric hangs on the wall, held in place by fine pins. A jacket, as though woven from the thinnest of needles: almost disappeared. I think of those persecuted by the Nazi regime, whose stories are told in the German Resistance Memorial Centre in Berlin. Hidden away in cellars with tiny entrances behind workbenches, in attics with concealed entrances, or in hay barns on remote farms. Almost disappeared. It is scarcely possible to imagine what that must have felt like.

How courageous were those who hid other people. Whom could they trust? Was trust in others a necessary condition for greater resistance? The knowledge that one did not stand alone in holding a critical opinion.

And what about today? Can the people passing my café table rely on one another, or at least on some kind of social consensus? I see with growing unease, even in the cinema, how quickly we can be divided against one another, how easily whole groups of people can be made to look ridiculous.

‘Was haben wir gelacht’ – ‘How we laughed’ – is the title of the film, which tells of female cabaret performers fighting for the right to their own humour and their own stage. Throughout decades of television history, they were defined as pretty decoration, as bodies to be touched, and were enthusiastically laughed at. It happens so easily, and it is so difficult to change.

On my summer holiday, I lean back. I am free; I do not have to take a stand. And yet I think. I let the impressions and thoughts connect with one another. I meet the philosophy student, old friends from my student days, young parents and the gay couple. We talk, exchange thoughts, worries and light-hearted hopes. We connect. We bind ourselves back to what holds us; that is what the word religion means (from re-ligio).

At the dining table, on the underground, in the museum, over a café au lait. The two young men were at the Christopher Street Day celebrations in the Tiergarten yesterday, close to the site of the attack. None of this is far away. It affects me, and it affects people I know. Even on my summer holiday.

What is passing through your mind and heart this summer? Does it connect you with other people?

With my very best wishes,

Your Dorothea Goudefroy

Superintendent of the Church District of Vlotho

Published first in the Westfalen-Blatt, 15 August 2026

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