Zu kurz kommen

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# Andacht

Zu kurz kommen

Das Gefühl, zu kurz zu kommen, kennt wohl fast jeder. Im Beruf werden andere befördert. In der Familie bekommt die jüngere Schwester mehr Aufmerksamkeit. Im Freundeskreis scheint man selbst manchmal übersehen zu werden.

Auch in der Bibel begegnet uns ein Mensch, der genau diese Angst hat. Da wird von einem Vater und seinen beiden Söhnen erzählt. Der eine will von zu Hause weg. Er lässt sich sein Erbe auszahlen, verlässt das Elternhaus und gibt das Geld mit vollen Händen aus. Völlig mittellos kommt er zurück, und der Vater nimmt ihn mit offenen Armen wieder bei sich auf. Ohne Fragen, ohne Vorwürfe. Der Vater freut sich, dass sein verlorener Sohn wieder zurück ist – alles andere ist in diesem Moment zweitrangig. Er richtet ein großes Fest aus. Der ältere Sohn kann das nicht verstehen. Er ist geblieben, hat mitgearbeitet und Verantwortung übernommen. Jahrelang war er zuverlässig an der Seite seines Vaters. Ein großes Fest, wie sein jüngerer Bruder, hat er nie bekommen. 

Ich kann seinen Ärger gut nachvollziehen. Wer hätte nicht ähnliche Gedanken?

Doch der Vater erinnert ihn an etwas Wichtiges: „Mein Sohn, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein.“ 

Vielleicht liegt darin eine wichtige Erkenntnis für unseren Alltag. Wie oft vergleichen wir uns mit anderen und schauen darauf, wer mehr Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Glück bekommt. Vielleicht aber geht es im Leben gar nicht um das exakte Aufwiegen. Menschen sind unterschiedlich und brauchen Unterschiedliches.  

Wer sich ständig vergleicht, wird leicht das Gefühl haben, zu kurz zu kommen. Aber Gott ist keiner, der aufwiegt. Sondern er ist einer, der sich um alle sorgt und weiß, was wir brauchen. 

Liebe ist kein begrenztes Gut. Wenn eine andere beschenkt wird, nimmt uns das nichts weg. Wer sich von Gott gesehen weiß, entdeckt oft neu, wie reich er oder sie selbst beschenkt ist: mit seiner Nähe, seiner Liebe und mit Menschen, die das Leben mittragen.

Zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, 20. Juni 2026

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