07/09/2026 0 Kommentare
„Machst du uns beiden mal einen Kaffee?“
„Machst du uns beiden mal einen Kaffee?“
# Andacht

„Machst du uns beiden mal einen Kaffee?“
Als Jesus in die Stadt kommt, ist der Marktplatz menschenleer. Kein Jubel, keine Menschenmenge. Nur ein paar Tauben, die nach etwas picken und über den Marktplatz fliegen. Von Weitem hört er eine S-Bahn anfahren.
Jesus geht über den Platz und durch die Einkaufsstraßen. Hier findet er schon ein paar mehr Leute. Alle gehen geschäftig mit Taschen bepackt und oder Handy am Ohr an ihm vorbei. Vor einem Eingang mit Marmorsäulen und goldbesetztem Klingelschild bleibt er kurz stehen und geht hoch.
Zachäus sitzt in seinem Büro. Sein Handy liegt neben ihm, auf dem Bildschirm laufen Nachrichten und Zahlen. Er kennt sich aus mit Geld, mit Geschäften und damit, wie man bekommt, was man will. Aber mit Menschen? Da ist es schwieriger. Viele mögen ihn nicht. Manche halten ihn für kalt und egoistisch. Andere reden hinter seinem Rücken über ihn.
Es klopft an seiner Bürotür. „Zachäus, hast du einen Moment?“ Zachäus ist überrascht. „Ich?“ „Ja. Du.“ Jesus setzt sich an seinem Schreibtisch, ihm gegenüber. „Machst du uns beiden mal einen Kaffee?“
Nach einer kurzen Pause des Schocks, steht Zachäus hektisch auf und schiebt zwei Tassen unter den Kaffeevollautomaten auf der Fensterbank. „Cappuccino?“ Jesus, ihn von seinem Platz aus beobachtend, fragt: „Dann erzähl doch mal, Zachäus, wie geht es dir?“
Zachäus stellt die Tasse vor Jesus auf den Tisch und setzt sich. Einen Moment lang schaut er auf seinen eigenen Cappuccino, als sei die Antwort irgendwo im Milchschaum zu finden. „Gut“, sagt er schließlich. Jesus nickt. „Gut?“ „Ja. Läuft doch.“
Er deutet auf den Bildschirm. Zahlen. Kurven. Nachrichten. Alles unter Kontrolle. „Das Geschäft läuft. Die Zahlen stimmen. Ich kann mich nicht beschweren.“ Jesus schaut ihn an. „Das habe ich nicht gefragt.“ Zachäus lehnt sich zurück. Zum ersten Mal an diesem Morgen weiß er nicht, was er sagen soll.
Draußen fahren Autos vorbei. Jemand lacht. Eine S-Bahn quietscht in der Kurve. „Ich weiß nicht“, sagt Zachäus schließlich. „Was soll ich sagen?“ Jesus nimmt einen Schluck.
„Wie es dir wirklich geht.“ Zachäus schaut ihn an. Dann zum Fenster. „Manchmal“, sagt er leise, „bin ich ziemlich einsam und müde.“ Jesus sagt nichts.
„Immer nur funktionieren, arbeiten wie im Hamsterrad. Und wofür? Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich allein. Und manchmal frage ich mich, ob mich überhaupt jemand vermissen würde, wenn ich morgen nicht mehr hier wäre.“ Jesus bleibt still.
Zachäus schaut auf. „Du bist der Erste, der mich das fragt.“ Jesus lächelt. „Dann war es wohl höchste Zeit.“ Eine Weile sitzen sie einfach da. Zwei Männer in einem Büro. Cappuccino auf dem Tisch. Die Stadt draußen. Und Zachäus merkt, dass sich etwas verändert hat. Nicht in seinen Zahlen. Nicht auf seinem Konto. Sondern hier. In diesem Raum. Vielleicht beginnt Veränderung manchmal genauso: Nicht mit einem großen Knall. Sondern damit, dass jemand stehen bleibt und fragt: „Wie geht es dir wirklich?“
Zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, 5. September 2026
„Machst Du uns einen Kaffee?“
Jesus kommt in die Stadt.
Auf dem Marktplatz ist niemand.
Niemand begrüßt Jesus.
Es gibt keine Menschen-Menge.
Nur ein paar Tauben sind dort.
Sie suchen nach Futter.
Dann fliegen sie über den Platz.
Jesus hört eine S-Bahn.
Sie kommt von weit her.
Jesus geht über den Marktplatz.
Dann geht er durch die Einkaufs-Straßen.
Hier sind schon mehr Menschen.
Sie sind unterwegs.
Manche tragen Einkaufs-Taschen.
Andere telefonieren mit ihrem Handy.
Die Menschen gehen an Jesus vorbei.
Vor einem großen Haus bleibt Jesus stehen.
Das Haus hat Säulen aus Marmor.
Am Eingang hängt ein Klingel-Schild.
Es ist mit Gold verziert.
Jesus geht hinein.
Dann geht er nach oben.
Zachäus sitzt in seinem Büro.
Sein Handy liegt neben ihm.
Auf dem Bildschirm sieht er Nachrichten und Zahlen.
Zachäus kennt sich mit Geld aus.
Er kennt sich mit Geschäften aus.
Er weiß, wie er bekommt, was er will.
Aber mit Menschen ist es schwieriger.
Viele Menschen mögen Zachäus nicht.
Manche halten ihn für kalt und selbstsüchtig.
Andere reden hinter seinem Rücken über ihn.
Da klopft jemand an seine Büro-Tür.
„Zachäus, hast du einen Moment?“
Zachäus ist überrascht.
„Ich?“
„Ja. Du.“
Jesus setzt sich an den Schreibtisch.
Er sitzt Zachäus gegenüber.
Dann sagt Jesus:
„Machst du uns beiden mal einen Kaffee?“
Zachäus ist zuerst ganz überrascht.
Dann steht er schnell auf.
Er stellt zwei Tassen unter die Kaffee-Maschine.
Die Maschine steht auf der Fenster-Bank.
„Cappuccino?“
Jesus schaut Zachäus an.
Dann fragt er:
„Erzähl doch mal, Zachäus:
Wie geht es dir?“
Zachäus stellt Jesus die Tasse auf den Tisch.
Dann setzt er sich.
Er schaut auf seinen eigenen Cappuccino.
Vielleicht findet er die Antwort im Milch-Schaum.
„Gut“, sagt er schließlich.
Jesus nickt.
„Gut?“
„Ja. Es läuft doch.“
Zachäus zeigt auf den Bildschirm.
Dort sind Zahlen.
Kurven.
Nachrichten.
Alles scheint unter Kontrolle zu sein.
„Das Geschäft läuft.
Die Zahlen stimmen.
Ich kann mich nicht beschweren.“
Jesus schaut ihn an.
„Das habe ich nicht gefragt.“
Zachäus lehnt sich zurück.
Zum ersten Mal an diesem Morgen weiß er nicht, was er sagen soll.
Draußen fahren Autos vorbei.
Jemand lacht.
Eine S-Bahn fährt durch eine Kurve.
Man hört ein Quietschen.
„Ich weiß nicht“, sagt Zachäus schließlich.
„Was soll ich sagen?“
Jesus nimmt einen Schluck Kaffee.
Dann sagt er:
„Wie geht es dir wirklich?“
Zachäus schaut Jesus an.
Dann schaut er aus dem Fenster.
„Manchmal“, sagt er leise, „bin ich ziemlich einsam und müde.“
Jesus sagt nichts.
Zachäus spricht weiter:
„Ich muss immer funktionieren.
Ich arbeite wie in einem Hamster-Rad.
Und wofür?
Wenn ich abends nach Hause komme, bin ich allein.
Manchmal frage ich mich:
Würde mich überhaupt jemand vermissen, wenn ich morgen nicht mehr da wäre?“
Jesus bleibt still.
Zachäus schaut auf.
„Du bist der Erste, der mich das fragt.“
Jesus lächelt.
„Dann war es wohl höchste Zeit.“
Eine Weile sitzen sie einfach da.
Zwei Männer in einem Büro.
Auf dem Tisch stehen zwei Cappuccinos.
Draußen ist die Stadt.
Und Zachäus merkt:
Etwas hat sich verändert.
Nicht seine Zahlen.
Nicht sein Konto.
Sondern etwas in diesem Raum.
Vielleicht beginnt Veränderung manchmal genau so:
Nicht mit etwas Großem.
Sondern damit, dass jemand stehen bleibt.
Und fragt:
„Wie geht es dir wirklich?“
Dieser Text stand schon in der Neuen Westfälischen, 5. September 2026
Shall we have coffee?
When Jesus comes into the city, the market square is deserted. No cheering, no crowds. Just a few pigeons pecking at something on the ground and flying across the square. In the distance, he hears a tram approaching.
Jesus crosses the square and walks past the shop windows. Here, he finds a few more people. Everyone is busy, carrying bags or talking on their phones as they hurry past him. He pauses briefly outside a building with marble columns and a gold-lettered nameplate beside the entrance. He enters and goes upstairs.
Zacchaeus is sat in his office. His phone beside him, news and figures scrolling across the screen. He knows about money, about business and about how to get what he wants. But people? That is more difficult. Many people do not like him. Some think he is cold and selfish. Others talk about him behind his back.
There is a knock at his door.
‘Zacchaeus, do you have a moment?’
Zacchaeus looks surprised.
‘Me?’
‘Yes. You.’
Jesus sits down at his desk, opposite him.
‘Shall we have coffee?’
After a brief moment of stunned silence, Zacchaeus gets up hurriedly and places two cups beneath the coffee machine on the windowsill.
‘Cappuccino?’
Watching him from his seat, Jesus asks, ‘So tell me, Zacchaeus, how are you?’
Zacchaeus puts the cup down in front of Jesus and sits down. For a moment he looks at his own cappuccino, as though the answer might be somewhere in the milk foam.
‘Good,’ he says at last.
Jesus nods.
‘Good?’
‘Yes. Everything's going great.’
He gestures towards the screen. Figures. Charts. News. Everything under control.
‘The business is doing well. It all adds up. I can't complain.’
Jesus looks at him.
‘That isn't what I asked.’
Zacchaeus leans back. For the first time that morning, he does not know what to say.
Outside, cars pass by. Someone is laughing. A tram screeches as it rounds the bend.
‘I don't know,’ Zacchaeus says eventually. ‘What am I supposed to say?’
Jesus takes a sip.
‘How you really are.’
Zacchaeus looks at him. Then he turns towards the window.
‘Sometimes,’ he says quietly, ‘I'm really quite lonely. And tired.’
Jesus says nothing.
‘Always having to keep going. It feels like a hamster in its wheel. And what for? When I get home in the evening, I'm alone. And sometimes I wonder whether anyone would even miss me if I weren't here tomorrow.’
Jesus remains silent.
Zacchaeus looks up.
‘You're the first person to ask me that.’
Jesus smiles.
‘Then it was about time.’
For a while, they simply sit there. Two men in an office. Cappuccinos on the table. The city outside. And Zacchaeus realises that something has changed.
Not in his figures. Not in his bank account. But here. In this room.
Perhaps that is how change sometimes begins: not with a great upheaval, but with someone stopping and asking: ‘How are you, really?’
Published first in the Neue Westfälische, 5 September 2026
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