05/01/2026 0 Kommentare
Von einem, der eingezogen ist
Von einem, der eingezogen ist
# Andacht

Von einem, der eingezogen ist
Da tauchen sie plötzlich auf, kurz vor dem 1. Advent. An der Fußleiste ist Dreck, und ein paar Bausteine liegen rum. Eine kleine Schubkarre und ein Absperrband oder ein Schild: Vorsicht, Baustelle. Sie kündigt an: Hier möchte jemand einziehen!
Kleine Wichtel oder Elfen, die allerhand Schabernack treiben: Klorollen zu Schneemännern machen; nächtlich Keksdosen und Teevorräte plündern; Milch in eine andere Farbe eintauchen, nie aufräumen, und das Familienleben augenzwinkernd kommentieren. Sie heißen Nils oder Snorre, Alva oder Smilla, und erfreuen Klein und Groß ab dem Tag ihres Einzugs. Und überall lassen sich Spuren dieser liebenswerten Wesen finden. Fußspuren, Spuren der nächtlichen Eskapaden durch die Wohnung, Spuren des humorvollen „In die Normalität-Etwas-Zauber-Bringens.“ Sie geben der Hektik des Alltags diese wohltuende Unterbrechung, die zur Weihnachtszeit dazugehört.
Und damit erzählen sie, schon Anfang Dezember, etwas vom Heiligen Abend.
„Oh, seht, in der Krippe, im nächtlichen Stall / Seht hier bei des Lichtleins hell glänzendem Strahl…“ (EG 43,2)
Zeilen aus dem Weihnachtslied, das uns von Kindheitstagen her vertraut ist. Viele von uns werden es heute singen.
In der Heiligen Nacht geschieht genau das: In der Normalität des Alltags – Menschen müssen Steuern zahlen; Frauen bringen Kinder zur Welt; irgendwo grasen Tiere auf einem Feld und gibt jemand auf sie Acht; irgendwo stehen Menschen am Rande der Gesellschaft und keiner beachtet sie – in der Normalität des Alltags, ja des Lebens bricht etwas herein, das scheinbar ganz Gewöhnliches in Glanz hüllt.
Weihnachten – Glanz bricht in unsere Welt hinein.
Voller Hoffnung auf solchen Glanz ertönen heute weihnachtliche Lieder.
Voller Hoffnung auf den, der dem kläglichen Leben Glanz verleiht ist auch ein anderer. Glanzlos war es, das Leben dort in der Ferne. Fernab der eigenen vertrauten Heimat warteten die Exilierten auf ihre Rückkehr. Sehnsucht nach dem Eigenen, nach Beziehungen voller Bedeutung anstatt fremdbeherrscht auf die Gunst der Babylonier angewiesen zu sein. In diese Sehnsucht hinein spricht der Prophet Ezechiel voller Hoffnung von Gottes Zusage:
„Meine Wohnung soll unter ihnen sein“ (Ezechiel 37,27).
Und das ist nicht weniger als das Versprechen der Heiligen Nacht. Wenn in einem Kind, ohne jeden äußeren Zauber, schon so ein göttlicher Glanz zu spüren ist. Warum sollte dieser Gott, der in der Krippe zur Welt kam, nicht auch meinem Leben einen Glanz verleihen können? Den Glanz der freudig erlebten Gemeinschaft, oder den Glanz der Momente, an denen Sehnsucht nach gelingender Beziehung zur Erfüllung gelangt.
Nun werden sie bald wieder ausziehen: Die Wichtel und Elfen hierzulande.
Doch der Gott, der in einem kleinen Kind die Welt verzauberte, der bleibt und der schenkt uns den Glanz einer Liebe, die klein beginnt und Großes bewegt. Um solchem Glanz ein Gesicht zu geben, dazu ist Gott in unsere Welt eingezogen.
Zuerst erschienen im Westfalen-Blatt, 24. Dezember 2026
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