Stoppelfeld

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# Andacht

Stoppelfeld

Von meinem Wohnzimmer blicke ich auf ein riesiges Getreidefeld. Vor gut zwei Wochen ist es gemäht worden, das Stroh ist bereits eingefahren. Das Stoppelfeld macht mich ein wenig wehmütig. Es erinnert mich an meine Kindheit. Da haben wir auf den Stoppelfeldern Drachen steigen lassen. Lange ist’s her. Stoppelfelder erinnern mich ebenso an den Herbst. Das Jahr hat seinen Höhepunkt schon längst überschritten.

Auch der Herbst kann wehmütig machen. Weil die schönen langen Abende vorüber gehen. Und weil ich mich frage, wie ist das im Herbst des Lebens? Was bleibt dann noch? 

Von älteren Menschen höre ich oft: Alt werden ist nicht schön. Der Körper spielt nicht mehr so mit, Schmerzen in Rücken und Knie machen das Laufen beschwerlich. Und manche, so erzählen sie, plagt die Einsamkeit. 

Victor Frankl fällt mir ein. Als Psychiater hat er sich gut mit Menschen ausgekannt. Er hat folgenden Satz geprägt: „Für gewöhnlich sieht der Mensch nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit. Was er übersieht, sind die vollen Scheunen der Vergangenheit.“

Zeit also für einen Perspektivwechsel. Wo leere Stoppelfelder sind, da gibt es auch eine Ernte. Die vollen Scheunen der Vergangenheit sehen, heißt, mir klarmachen, dass ich eine Art Schatzkammer habe, in der mein ganzes Leben aufgehoben ist.

Frankl rät, immer wieder einmal in diese Scheune hineinzuschauen und sich an dem zu freuen, was sich da angesammelt hat. Was habe ich Schönes in meinem Leben erlebt? Das kann eine Kindheitserinnerung sein, wie die an das Drachensteigen. Oder die Erinnerung an einen besonderen Ort. Oder an den Beruf, in dem man etwas geschaffen hat, was das Auskommen sichert. Oder eine Begegnung, die mich geprägt hat. Und auch daran, wie es gelungen ist, eine schwere Zeit zu überwinden. All das ist nicht verloren, sondern bewahrt und ich kann es mit Abstand betrachten. Das Bild der gefüllten Scheune, der unvergesslichen Erinnerungen tröstet mich.

Damit blicke ich zufrieden auf das Stoppelfeld. Auf das, was vorüber ist…was nicht mehr ist oder sein kann. Und ich kann in den Blick nehmen, was noch kommt. 

Zuerst erschienen in der Neuen Westfälischen, 30. August 2025

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