Pfarrer Lars Kunkel

Predigt von Pfarrer Lars Kunkel im Literaturgottesdienst am 2. Juli 2011 in der Auferstehungskirche am Ostkorso, Bad Oeynhausen, zu dem Buch „Der Mann, der den Zügen nachsah" von Georges Simenon.

Träumen Sie manchmal heimlich davon, aus Ihrem bisherigen Leben auszubrechen und ein ganz neues Leben zu beginnen? Das ist wirklich eine heikle Frage, denn wer gäbe das schon zu. Die Leute würden einen doch für verrückt halten. Und man sich selbst auch. Man sagt sich beruhigend: Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Jedenfalls im Wesentlichen. Ich habe doch alles, was ich will, und mir geht es gut.

So empfindet das auch Kees Popinga. Er hat ein schönes Haus, einen guten Job, eine Tochter. Er hat Mutti, er hat seine bürgerliche Zufriedenheit - und er hat seine geheimen Wünsche, die unbewusst an ihm nagen.

Die anderen steigen in die spannenden Züge des Lebens ein und reisen in den Nachtzügen nach Paris. Was da alles Aufregendes passiert! Aber er bleibt brav. Kees sieht den Zügen immer nur hinterher. Bis zu dem Moment, als sein Chef ihn auslacht, weil Popinga nicht gemerkt hat, dass die Firma längst pleite war. Popinga ärgert sich. Warum können andere leben, wie sie wollen? Warum haben die anderen keine Skrupel? Ist er weniger wert? Wie gerne würde er romantische Abenteuer erleben mit den Frauen, die er insgeheim schon so lange begehrt hat.

110728 buch simenonPopinga hat das alles unterdrückt aus Angst, Scham, Mutlosigkeit, und dies nach außen als moralische Überlegenheit verkauft. Er trägt eine Maske. Vielleicht hat er sich bis dahin für etwas Besseres gehalten, für besonders edel.
Aber jetzt kommt die Wahrheit ans Licht über seine unterdrückten Lebenswünsche. Er hat so vieles verpasst. Er sich so viel verboten. So viel hat sich in ihm angestaut.

Doch jetzt ist der Damm gebrochen und Popingas Ausbruch fällt radikal und rücksichtslos aus.
Und er will sich nehmen, was andere wie selbstverständlich für sich beanspruchen. Kees ergreift seine Chance und bricht aus seinem Leben mit Mutti und den beruflichen Zwängen aus. Das hat etwas Erschreckendes, aber auch etwas Sympathisches an sich. Man kann ihn doch auch verstehen, oder?

Keiner gibt offen zu, dass in ihm vielleicht doch ein viel größerer Lebensdurst steckt, als er zugeben kann oder will. Man möchte keinem weh tun, man hat Skrupel, aber wenn sich dann doch plötzlich die Möglichkeit ergäbe?
Kees will ein neues Leben beginnen, aber die Sache geht gründlich schief. Als er vor Pamela, der Frau seiner Träume steht, lacht sie ihn aus, Kees‘ unterdrückte Wut bricht aus ihm heraus. Er bringt sie um, zwar ohne es zu wollen, doch es irritiert, dass er sich überhaupt keiner Schuld bewusst ist.

 

Es reicht eben nicht aus, einfach in einen Zug zu steigen, in der Hoffnung, dann ein anderer Mensch zu werden. Man kann vor allem weglaufen, nur nicht vor sich selbst. Popinga ist nicht frei. Nicht nur, weil ihm die Polizei und die Presse auf den Fersen sind. Im Grunde steckt seine Angst immer noch in ihm.

Und wieder versucht er, diese durch Kontrolle und das Gefühl von Überlegenheit zu überwinden. Er schreibt Briefe an die Presse, um sich ins rechte Licht zu rücken. Er sieht das Leben als ein Schachspiel an und meint, alle Figuren im Kopf zu haben und das Spiel so gewinnen zu können. Armer Kees. Er fühlt sich überlegen und erlebt doch, wie sich sein Spielraum immer mehr verringert. Mit grausamer Präzision seziert Simenon die Entwicklung eines Mannes, der immer mehr verliert, bis er am Ende nackt ist. Ohne moralische Maske.

Am Ende erkennt Kees die Unmöglichkeit, ein anderer zu werden, doch der Alte will er auch nicht mehr sein. Als er sich nackt auf die Schienen legt, gibt er die Kontrolle über sein Leben auf. Das Spiel ist aus.
Und am Ende landet er in der Irrenanstalt. Als der wohlwollende Arzt mit ihm eine Partie Schach spielen will, versteckt er wieder einen Läufer in einem Getränk. In seinem alten Leben hat er dies schon einmal getan und eine Spielfigur in einem Krug mit dunklen Bier versteckt. Das war der Kees, der wütend war und doch Angst hatte, der oft heimlich agierte und doch die Kontrolle behalten wollte. Jetzt wählt er eine Tasse Tee, in der die Figur sofort entdeckt wird.
Kees wiederholt das Ritual, aber jetzt mit anderen Vorzeichen und wie eine Offenbarung. Er erinnert sich an den alten Kees, der noch die Kontrolle hatte

 

und zeigt den neuen Kees, der einsehen muss, dass er gescheitert ist.
Es ist ganz typisch, dass Kees für verrückt gehalten wird. Die Medien, die Gesellschaft, seine Frau, alle halten ihn für wahnsinnig. Aber ist Kees wirklich irre?

Ist es vielleicht normaler, so wie Mutti am Ende des Romans wieder Sammelbildchen einzukleben und alles beim Alten zu belassen? Oder ist es vielleicht nicht doch ganz normal, dass ein Mensch sein Leben wirklich leben und die Möglichkeiten ausloten will? Ist es vielleicht nicht doch sehr normal, dass ein Mensch Grenzen überschreiten will, die ihm die Gesellschaft, die bürgerlichen Werte, die Arbeitsbedingungen und Umstände setzen? Es ist tragisch, dass Kees scheitert, aber krank ist das nicht.

Die Frage bleibt aber, wie wir mit unserem Lebensdurst umgehen. Das Johannesevangelium berichtet uns von einer Begegnung zwischen Jesus und einer sehr lebensdurstigen Frau. Diese Frau aus Samarien  geht mittags zum Brunnen. Zu dieser Zeit ist es so heiß, dass kein normaler Mensch jetzt Wasser schöpft. Jesus bittet sie um Wasser. Ein jüdischer Mann bitte eine Samaritanerin um Wasser. Das ist unerhört. Doch dahinter steht ein Symbol. Jesus fragt nach den inneren Quellen dieser Frau, nach der Lebendigkeit in ihr. Die Frau versteht das nicht, aber sie schöpft Vertrauen und wird neugierig.

Und das ist schon ein kleines Wunder. Eigentlich wollte sie mit keinem reden. Sie schämt sich, wollte keinen treffen und vielleicht vor irgendetwas weglaufen. Jesus erkennt das. Und er bietet ihr ein Wasser an, das den Durst stillt, ein lebendiges Wasser, das sie lebendig machen kann. Wieder versteht die Frau das nicht. Sie denkt an ein Zauberwasser, das ihren Durst stillt. Doch Jesus will einen Menschen nicht kraft göttlicher Magie verwandeln. Er will ihr Innerstes anrühren. Er weiß, wie es um die Frau steht.

Er kennt ihren Lebensdurst. Fünf Männer hat sie gehabt und jetzt lebt sie mit einem weiteren Mann unverheiratet zusammen. 

Dieser Lebensdurst ist nichts, was Jesus abwertet. Jesus geht es nicht um Moral. Er verurteilt die Frau nicht, er nennt sie nicht einmal eine Sünderin, die umkehren soll. Aber er gibt ihr Raum, den Lebensdurst zu erkennen. Sie darf darüber nachdenken, sie darf darüber reden. Sie braucht sich nicht zu schämen, sie braucht nicht wegzulaufen, sie muss sich nicht kontrollieren und am Mittag zu Brunnen gehen, wenn kein anderer da ist, der sie vielleicht für unmoralisch oder vielleicht sogar für verrückt hält. Jesus begegnet ihr liebevoll und mit großer Weite. Das macht ihn zum lebendigen Wasser für sie. Das macht sie innerlich lebendig.

Und so sieht Gott uns an, mit unseren geheimen Wünschen und Sehnsüchten, über die wir kaum nachdenken können, die wir uns nicht einmal zu fühlen trauen, geschweige denn, dass wir darüber reden. Mit Gott ist das möglich.

Er sieht uns an, und was er sieht, erschreckt ihn nicht. Gott hält uns nicht für irre, wenn wir nach Leben dürsten. So angenommen zu sein, ist für mich der Schlüssel im Umgang mit dem Lebensdurst. Gottes Liebe zu uns ist die Wahrheit, die uns frei macht, wie das Johannesevangelium sagt. Weil wir erkennen dürfen, wie es um uns steht.

Wir gewinnen Freiraum. Unser Lebendurst kann so zu einer Quelle werden. Denn wir können auf unser Leben schauen und entdecken, was uns fehlt, was uns einengt.

Wir können erkennen, was uns das Gefühl gibt, mitten im Leben tot zu sein. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur Lebendigkeit. Und dann können unsere Träume zu einer Quelle werden, die uns die Kraft geben kann, in unserem Leben etwas zu ändern.  Bevor es zu spät ist, bevor der Ausbruch kommt, der dann vielleicht alles zerstört.

Aber selbst davor ist niemand gefeit. Und dann? Es ist vielleicht eine der größten Sünden, immer alles richtig machen zu wollen und uns zu kontrollieren, nur um damit unangreifbar und moralisch gut da zu stehen. Vor Gott werden wir dadurch keine besseren Menschen. Die Menschen sind keine Schachfiguren und das Leben ist kein Schachspiel, das wir beherrschen. 

Ob wir vielleicht manchmal doch in den Zug einsteigen müssen, um nicht unser Leben lang darunter zu leiden, dass wir den Zügen immer nur nachgesehen haben? Ob wir vielleicht manchmal riskieren müssen, uns von der Sehnsucht leiten zu lassen, um zu erfahren, wohin uns unser Lebensdurst führt? Vielleicht führt er uns ja zu einem Brunnen, wo wir Jesus treffen, der uns kennt, der uns liebt. Zu einem Brunnen, wo wir das lebendige Wasser finden, das unseren Lebensdurst stillt.

 

Gebet zum Literaturgottesdienst

Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott,

Du schaust in unsere Seele. Du kennst unser wahres Gesicht und blickst uns voller Liebe und Barmherzigkeit an.

Wir bitten Dich für alle Menschen, die sich gefangen und eingeengt fühlen. Für alle, die sich nicht trauen wahrzunehmen, was in ihnen verborgen ist an Sehnsüchten und Träumen. Für die, die sich schämen und verstecken. Gib ihnen die Kraft, sich Dir zu öffnen und anzuvertrauen, damit sie sich selbst ansehen können.

Wir bitten Dich für alle, die ihr Leben verändern möchten. Dass sie gute Wege finden, mit denen sie sich selbst und andere nicht übermäßig verletzen. Lass sie unterscheiden und erkennen, ob sie ihr jetziges Leben umgestalten können oder in ein neues Leben aufbrechen müssen.

Wir bitten Dich für alle, die aus ihrem alten Leben ausgebrochen sind. Lass diesen Ausbruch zu einem Aufbruch werden. Gib uns allen den Mut, unser Leben zu leben, in Verantwortung, aber auch im Vertrauen auf Deine Gnade. Bewahre uns davor, uns selbst rechtfertigen zu wollen und schenke uns stattdessen den Glauben, dass Du uns vergibst, was wir uns selbst nicht vergeben können. Lass uns bei Dir das lebendige Wasser finden, das uns lebendig macht.