Pfarrer Markus Freitag, Bad Oeynhausen LoheGedanken am Ende eines Kirchenjahres von Pfarrer Markus Freitag, Bad Oeynhausen Lohe.
Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Ewigkeitssonntag. Am Ende des Kirchenjahres werden wir an die Brüche und die Vergänglichkeit des Lebens erinnert. Ich frage mich: Was bleibt? Was zählt im Leben? Was hat wirklich wert?

Vor einiger Zeit haben einige Jugendliche mal ein Experiment an der Tower-Bridge in London gemacht. Es war eigentlich das Einlösen einer verloren Wette. Sie haben sich dort auf die Brücke gestellt und Pfundnoten, also Geld verschenkt. Echtes Geld umsonst. Und jetzt kommt die Überraschung. Fast keiner hat das Geld genommen. Die allermeisten waren abgrundtief skeptisch. Da ist doch der Wurm drin. Kein Mensch verschenkt Geld. Einfach so. Umsonst.
Es gibt nichts umsonst. Das ist gewissermaßen das Glaubensbekenntnis des Kapitalismus. Wir sprechen es alle mit. Wir alle kennen ganz genau den Wert von Dingen, die Preise vom Joghurt-Becher bis zum Auto des Nachbarn. Wir rechnen alles in Geld um. Selbst „Zeit ist Geld". Nichts ist umsonst. „Umsonst ist nur der Tod. Und der kostet das Leben", sagen einige im Witz.

Aber das Grundbekenntnis des Kapitalismus ist ein Grundirrtum. Sicher, manche schöne Dinge kann man für Geld kaufen. Aber die wirklich wichtigen Dinge des Lebens sind unbezahlbar. Die kann man für kein Geld der Welt kaufen. Die gibt's umsonst. Von Gott geschenkt.

 

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Pfarrer Lars Kunkel

Predigt von Pfarrer Lars Kunkel im Literaturgottesdienst am 2. Juli 2011 in der Auferstehungskirche am Ostkorso, Bad Oeynhausen, zu dem Buch „Der Mann, der den Zügen nachsah" von Georges Simenon.

Träumen Sie manchmal heimlich davon, aus Ihrem bisherigen Leben auszubrechen und ein ganz neues Leben zu beginnen? Das ist wirklich eine heikle Frage, denn wer gäbe das schon zu. Die Leute würden einen doch für verrückt halten. Und man sich selbst auch. Man sagt sich beruhigend: Ich bin mit meinem Leben zufrieden. Jedenfalls im Wesentlichen. Ich habe doch alles, was ich will, und mir geht es gut.

So empfindet das auch Kees Popinga. Er hat ein schönes Haus, einen guten Job, eine Tochter. Er hat Mutti, er hat seine bürgerliche Zufriedenheit - und er hat seine geheimen Wünsche, die unbewusst an ihm nagen.

Die anderen steigen in die spannenden Züge des Lebens ein und reisen in den Nachtzügen nach Paris. Was da alles Aufregendes passiert! Aber er bleibt brav. Kees sieht den Zügen immer nur hinterher. Bis zu dem Moment, als sein Chef ihn auslacht, weil Popinga nicht gemerkt hat, dass die Firma längst pleite war. Popinga ärgert sich. Warum können andere leben, wie sie wollen? Warum haben die anderen keine Skrupel? Ist er weniger wert? Wie gerne würde er romantische Abenteuer erleben mit den Frauen, die er insgeheim schon so lange begehrt hat.

110728 buch simenonPopinga hat das alles unterdrückt aus Angst, Scham, Mutlosigkeit, und dies nach außen als moralische Überlegenheit verkauft. Er trägt eine Maske. Vielleicht hat er sich bis dahin für etwas Besseres gehalten, für besonders edel.
Aber jetzt kommt die Wahrheit ans Licht über seine unterdrückten Lebenswünsche. Er hat so vieles verpasst. Er sich so viel verboten. So viel hat sich in ihm angestaut.

Doch jetzt ist der Damm gebrochen und Popingas Ausbruch fällt radikal und rücksichtslos aus.
Und er will sich nehmen, was andere wie selbstverständlich für sich beanspruchen. Kees ergreift seine Chance und bricht aus seinem Leben mit Mutti und den beruflichen Zwängen aus. Das hat etwas Erschreckendes, aber auch etwas Sympathisches an sich. Man kann ihn doch auch verstehen, oder?

Keiner gibt offen zu, dass in ihm vielleicht doch ein viel größerer Lebensdurst steckt, als er zugeben kann oder will. Man möchte keinem weh tun, man hat Skrupel, aber wenn sich dann doch plötzlich die Möglichkeit ergäbe?
Kees will ein neues Leben beginnen, aber die Sache geht gründlich schief. Als er vor Pamela, der Frau seiner Träume steht, lacht sie ihn aus, Kees‘ unterdrückte Wut bricht aus ihm heraus. Er bringt sie um, zwar ohne es zu wollen, doch es irritiert, dass er sich überhaupt keiner Schuld bewusst ist.

 

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