Aufführung des »Elias«-Oratoriums wird zu triumphalem Erfolg für die scheidende Kantorin von St. Stephan

Die St. Stephanskirche ist voll. Dieses letzte große Oratorium unter der Leitung von Han Kyoung Park-Oelert wollen viele nicht verpassen. Tatsächlich erlebt das Publikum zwei aufwühlende Stunden mit dem spannenden »Elias« Mendelssohn-Bartholdys. | Foto: Heike Pabst, Vlothoer Zeitung.HP/Vlotho. »Es ist genug «, sagt der Prophet Elias, bevor er in die Wüste geht. Nach der Aufführung des »Elias«-Oratoriums am Sonntag in St. Stephan haben viele Zuhörer eigentlich noch nicht genug – sie stehen in den Bänken, jubeln den Musikern und Sängern zu und würden sich über eine Zugabe freuen. Doch der letzte Ton ist verklungen, es gibt kein Zurück. Seit Dezember 2009 hat St. Stephans Kantorin Han Kyoung Park-Oelert jedes Jahr mit der Kantorei, Solisten und Symphonikern ein großes Oratorium zur Aufführung gebracht.

Diesen Termin haben sich viele Vlothoer Musikfreunde regelmäßig in den Kalender geschrieben, denn die Aufführungen waren immer originell, kraft- und anspruchsvoll. Die Kantorin schaffte es, das Beste aus den Sängern und Sängerinnen heraus zu holen sowie wundervolle Gesangssolisten und Sinfoniker zur Teilnahme zu bewegen. Das ist diesmal nicht anders. Und doch schwingt bei der Aufführung des »Elias«-Oratoriums von Felix Mendelssohn-Bartholdy etwas Wehmut mit. Schon vor dem Einlass unterhalten sich die Gäste darüber. »Man darf gar nicht daran denken, dass es das letzte Mal ist«, ist da zu hören. Han Kyoung Park-Oelert verlässt die Gemeinde Ende des Jahres (VZ berichtete).

Während Musiker und Publikum sie feiern, dankt Kantorin Han Kyoung Park-Oelert Gott für die erfolgreiche Aufführung des Oratoriums. | Foto: Heike Pabst, Vlothoer Zeitung.

Bei der Generalprobe fordert die scheidende Kantorin ihre Sänger und Sängerinnen auf, das Konzert zu genießen. »Es ist doch der Abschluss, da wollen wir es gut machen«, sagt sie mit Tränen in den Augen. Der Chor und die Mitglieder des Osnabrücker Symphonieorchesters spenden ihr Beifall. Zu diesem hoch emotionalen Hintergrund passt das an Dramatik kaum zu überbietende Oratorium.

Die St. Stephanskirche ist voll. Dieses letzte große Oratorium unter der Leitung von Han Kyoung Park-Oelert wollen viele nicht verpassen. Tatsächlich erlebt das Publikum zwei aufwühlende Stunden mit dem spannenden »Elias« Mendelssohn-Bartholdys. | Foto: Heike Pabst, Vlothoer Zeitung.Während das Land Israel unter einer Dürre leidet, kämpft der Prophet Elias gegen die Anhänger Baals und anderer heidnischen Götter. Elias wirkt ein Wunder und erweckt ein totes Kind zum Leben. Danach setzt sich in einem High-Noon der Religionen der christliche Gott durch – Baal lässt seine Anhängerschaft im Stich, und das Volk bekehrt sich, als Gott es regnen lässt. Doch dieses Erlebnis scheint schnell vergessen. Das Volk lässt sich von der Königin aufhetzen, Elias trotzdem nach dem Leben zu trachten. Der flieht in die Wüste, wandert 40 Tage bis zum Berg Horeb, bevor er schließlich im feurigen Streitwagen in den Himmel auffährt. Nicht nur diese Handlung, auch die Musik ist spannend wie ein Krimi. Dazu tragen die zahlreichen Wechselgesänge von Chor und Solisten bei (»Baal, erhöre uns! Wache auf! Warum schläfst du?« »Rufet lauter! Er hört euch nicht«). Bei all dem Donnergetöse, den Brandopfern und blutigen Auseinandersetzungen (»Führt die Propheten Baals an den Bach und schlachtet sie daselbst«) sind es vor allem die Momente des Innehaltens, die das Werk zu einem Genuss machen. Zu diesen Perlen gehören das Quartett der Solisten »Wirf dein Anliegen auf den Herrn« und das A-cappella- Terzett »Hebe deine Augen« von drei Sängerinnen, aber auch ganz gewiss das herausragend gespielte Solocello in der Arie des Elias »Es ist genug«.

Mit dem Part des Elias hat Bariton Rainer Weiss eine Hauptrolle in diesem Oratorium übernommen, und sein facettenreiches Organ kommt dabei gut zur Geltung. Aber auch die anderen Solisten verdienen sich ihren abschließenden Applaus redlich: Eike Tiedemanns warmer Alt, der strahlende Sopran von Jutta Potthoff und der perfekt akzentuierende Tenor von Hugo Mallet begeistern die Zuhörer. Nach zweieinhalb aufwühlenden Stunden erhebt sich das Publikum geschlossen zu Ovationen. Es applaudiert gemeinsam mit Chor und Orchester Han Kyoung Park-Oelert, die diesen Triumph jedoch nicht für sich allein in Anspruch nehmen will: In einer stummen Geste reckt sie die Arme zum Himmel. Dann geht sie.

Text und Fotos: Heike Pabst / Vlothoer Zeitung

 

 

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