„Stolpersteine“ im Fokus des beliebten Frauenfrühstücks

Erinnerungen: Stadtarchivarin Stefanie Hillebrand berichtete über die Lebenswege jüdischer Familien in der Kurstadt.scs/Bad Oeynhausen. Aufmerksamen Fußgängern fallen auch in der Kurstadt vor einigen Häusern glänzende ins Pflaster eingelassene Steine auf. Diese „Stolpersteine“ sind in Messing gegossene Erinnerungen an Opfer des Nationalsozialismus, die in den jeweiligen Gebäuden lebten. Beim gut besuchten Frauenfrühstück im Wichernhaus berichtete Stadtarchivarin Stefanie Hillebrand den zahlreichen interessierten Zuhörerinnen von ihren Recherchen zu Lebensgeschichten und Schicksale jüdischer Mitbürger vor und während des zweiten Weltkriegs.

Als Ende des 19.Jahrhunderts der Badebetrieb startete, lebten auch liberale Juden im Stadtgebiet. Die sogenannten Reformjuden wahrten ihre Rituale, passten sich aber den Christen an, indem sie zum Beispiel Gottesdienste in deutscher Sprache hielten. Als Ärzte, Gaststättenbetreiber und Kaufleute passten sie beruflich gut in die Infrastruktur einer Badestadt“, sagte die Referentin. Einer von ihnen war der Badearzt Dr. Louis Lehmann, nach dem auch eine Straße benannt wurde.

Bevor die in Bad Oeynhausen lebenden Juden unabhängig wurden, gehörten sie zur Vlothoer Synagogengemeinde. „Jüdische Bürger waren gut in das städtische Leben eingebunden, engagierten sich auch in Politik und Vereinen. Doch dass die Integration nur oberflächlich war, zeigte sich beim politischen Rechtsruck ab dem Ende der 1920er Jahre. Durch Schikanen änderte sich das Alltagsleben der jüdischen Mitbürger grundlegend. Ab dem Ende der 1930er Jahre wurde der Ausschluss aus der Wirtschaft für sie existenzbedrohend“, berichtete Stefanie Hillebrand. Bis zum Jahr 1942 lebten 75 Juden in Bad Oeynhausen, dann wurden 21 von ihnen deportiert. Alle anderen waren bereits weggezogen, geflohen oder verstorben.

Die Archivarin nannte die Namen und Eckdaten aus den Biographien der einzelnen Personen. „Leider ist sehr wenig bekannt. Man muss kleinste Mosaiksteinchen zusammentragen, um etwas über die Menschen zu erfahren“, sagte sie. Stellvertretend berichtete sie über das Leben der Familien Rosenbaum und Frank. Sie lebten an der Mindener Straße und betrieben dort ein Geschäft bzw. eine gutgehende Fleischerei.

Als Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus hatte der Berliner Künstler Gunter Demnig im Jahr 1993 die Idee, vor dem letzten selbst gewählten Wohnort der Menschen Gedenktafeln aus Messing in den Gehweg einzulassen. Einen Satz aus dem Talmud, ’Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist’, wählte der Künstler als Leitsatz des Projektes. Der erste Stein wurde 1996 in Berlin verlegt. Mittlerweile liegen die „Stolpersteine“ genannten Tafeln in 1.265 deutschen Städten sowie in 21 europäischen Ländern.
In der Kurstadt wurde im Jahr 2009 der Verein „Stolpersteine für Bad Oeynhausen“ gegründet und 2011 der erste Stein vor der Parkstraße 12 für Max Grunsfeld verlegt. Inzwischen sind etliche Stolpersteine im Stadtgebiet zu finden und weitere Verlegungen geplant. „Wir von der Stadt arbeiten mit dem Verein zusammen“, so Stefanie Hillebrand. Wer sich für die Arbeit des Vereins interessiert, kann sich auch an den Vorsitzenden, Pfarrer Lars Kunkel, wenden.

„Diese Erinnerung ist ein wichtiges und sehr interessantes Thema, dem wir in unserer Veranstaltungsreihe gerne Raum geben“, sagte Helga Tiemann vom Organisationsteam des Frauenfrühstücks, das dreimal im Jahr stattfindet. Der starke Besucherzulauf bekräftigte das große Interesse am Thema. Vor Beginn des Vortrags konnten sich die rund 70 Anwesenden am reichhaltigen Frühstücksbuffet stärken und miteinander ins Gespräch kommen.

Das nächste Frauenfrühstück findet am 7. Juni von 9 bis 11 Uhr im Wichernhaus an der Wichernstraße 15 statt. Ein Referent wird über „Plastik – Fluch oder Segen?“ informieren.