Über Aufbruch und Ankommen in Deutschland

Engagiert: Psychologe Kazim Erdogan und Journalistin Sonja Hartwig diskutieren über das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Deutschland.scs/Bad Oeynhausen. „Guten Abend, Bad Oeynhausen!“ begrüßte Sonja Hartwig augenzwinkernd die Anwesenden. Die aus der Kurstadt stammende Hamburger Journalistin Sonja Hartwig war gemeinsam mit dem Berliner Soziologen und Psychologen Kazim Erdogan zu Gast im Wichernhaus, um aus ihrem 2017 veröffentlichten Buch „Kazim, wie schaffen wir das? Vom Zusammenleben in Deutschland“ zu lesen und im Gespräch zu diskutieren, was ein friedliches Miteinander der Kulturen ausmacht, ermöglicht und auch behindert.

Zur Lesung und Gesprächsrunde hatten die „Aktuelle Runde“der Wicherngemeinde Bad Oeynhausen und das Kulturreferat „KuK!“ des Kirchenkreises Vlotho im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Ich öffne das Fenster“ eingeladen. Knapp 100 Besucher waren der Einladung gefolgt, lauschten den Ausführungen der beiden Gesprächspartner und diskutierten mit ihnen.

„Als Kazim 1974 in Deutschland ankam, wusste er über das Land nur, was man sich so erzählte“, begann Sonja Hartwig den Abend mit einer Passage aus ihrem Buch. Eindrucksvoll schilderte sie die Unterschiede zwischen Schein und Sein, erzählte aus seinem Leben, von seinen Schwierigkeiten im Alltag. „Ein kleiner, unauffälliger Mann, der unauffällig bleiben wollte, da er illegal im Land war“, so Sonja Hartwig. Nur ein Studium lang wollte Kazim Ergodan bleiben. „Kann es überhaupt ein Ankommen geben, wenn der erneute Aufbruch schon eingeplant ist?“ fragte sie. Kazim Erdogan blieb in Deutschland, wurde Bezirkspsychologe in Neukölln.

 Lebensthemen: Gebannt lauschten die zahlreichen Zuhörer im Wichernhaus, als die Journalistin Sonja Hartwig und der Psychologe Kazim Erdogan über das Zusammenleben verschiedener Kulturen in Deutschland diskutierten.Mit seinem Verein „Aufbruch Neukölln“ setzt er sich unermüdlich für die Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen ein, seit er 2007 die deutschlandweit erste Gesprächsgruppe für türkischstämmige Männer gründete. „Wir könnten auch hier eine internationale Männergruppe gründen, wenn sich Menschen finden, die Interesse haben, sie zu leiten“, schlug er vor. „Alles kommt in den Gruppen zur Sprache, was Männer und auch Frauen bewegt, von gewaltfreier Erziehung über Fragen zu Politik, Gesellschaft und Sexualität bis zum Umgang mit den Begriffen Ehre und Stolz“, erläuterte er. „Vielfalt ist wichtig. Und mit den Menschen zu reden, statt über sie. Wenn sich schon Politiker gegenseitig erniedrigen und abwerten, wie soll das dann bei normalen Bürgern funktionieren?“ fragte er sich.

Auch Kazim Erdogan hat negative Erfahrungen gemacht, wurde angefeindet. „Wichtig ist, immer sachlich zu bleiben, auch bei verbalen Angriffen. Man muss auf seine Zunge achten und angemessen reagieren. Denn auch wenn zwei von 100 mich beleidigen, schätzen 98 meine Arbeit. Fehlverhalten gehört zur Normalität. Doch jede Pauschalisierung ist Gift und Galle“, warnte der Psychologe und bekam von den Anwesenden anerkennenden Zwischenapplaus für seine Worte. Er erläuterte, warum er den Begriff Integration nicht mag. „Ich vermeide ihn, weil er heutzutage oft auf gute oder schlechte Deutschkenntnisse reduziert wird. Doch während der eine sich mit dem deutschen System identifiziert, nur die Sprache noch nicht gut kann, träumt ein anderer hier Geborener vom islamischen Staat“, so Kazim Erdogan. „Warum ist Erdogan für viele schon lange in Deutschland lebende Türken noch ihr Präsident, aber nicht Merkel ihre Kanzlerin?“

Mit Kazim Erdogans „Lieblingsstelle“ aus Sonja Hartwigs Buch, in dem er im Traum mit dem türkischen Präsidenten über Demokratie, ungelöste politische Konflikte und die Lebensthemen Heimat, Ankommen und Suche nach Anerkennung diskutiert, endete der eindrucksvolle Abend. „Träume sind Utopien, doch für mich zugleich ein Aufruf zum Handeln“, so Kazim Erdogan.

 

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