‚KnastKulTour‘ des Ev. Kirchenkreises Vlotho in die JVA Schwerte

Szene aus dem Stück „Der Gefangene“ des ‚theaterlabors schwerte‘ (Quelle: JVA Schwerte)HB/BM/Schwerte. „Dass uns ein ganzer Reisebus voller interessierter Menschen besucht, haben wir in den 48 Jahren unserer Einrichtung auch noch nicht erlebt!“ Mit diesen Worten begrüßte ein leitender Beamter der JVA Schwerte die Teilnehmenden einer Studienfahrt des Kulturreferates „KuK!“ im Ev. Kirchenkreis Vlotho, die sich diesmal mit der Kulturarbeit in einer Justizvollzugsanstalt beschäftigte.

Dazu besuchten sie zusammen mit Pfarrer Hartmut Birkelbach die diesjährige Produktion des ‚theaterlabors schwerte‘, die deutschsprachige Erstaufführung des Werkes „The Prisoner“ von Peter Brook und Marie Hélène Estienne aus dem Jahr 2018. Vorher erfuhren sie eine Menge über den Hintergrund und Zusammenhang dieser Theaterarbeit, die im Jahr 2004 von Dirk Harms, dem evangelischen Pfarrer dieser Einrichtung, der auch ausgebildeter Theaterpädagoge ist, begründet wurde. Heute stellt sie eine wesentliche Säule sowohl der kulturellen Angebote als auch seiner seelsorgerlichen Arbeit in dieser JVA dar.

Nach einer ersten Informations- und Gesprächseinheit mit ihm wurde die ‚KulTour‘-Gruppe mit einem Film über die Rahmenbedingungen und das alltägliche Leben in dieser JVA informiert, in der zur Zeit rund 360 männliche Gefangene ihre oftmals langjährigen Haftstrafen verbüßen. Nach diesem interessanten „virtuellen Rundgang“ kamen dann zwei frühere Gefangene in die Gruppe, die inzwischen in der Präventionsarbeit tätig sind und auf ausgesprochen lebendige und eindrucksvolle Weise davon erzählten, welche Erfahrungen sie innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern gemacht haben und welche Rolle dabei ihre frühere Mitarbeit im ‚theaterlabor‘ spielte. „Ich glaube, ohne diese Arbeit hätte ich die Kurve nicht gekriegt“, fasste der eine von beiden seine Ausführungen zusammen, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienfahrt hatten ausgiebig Gelegenheit, mit ihm und seinem Kollegen darüber ins Gespräch zu kommen.
Anschließend erlebte die Gruppe zusammen mit weiteren Gästen – unter anderem vom Justizministerium NRW – die letzte Aufführung des Stückes „Der Gefangene“. Obwohl die Mitglieder des ‚theaterlabors‘ ausschließlich Strafgefangene sind (und in diesem Jahr lediglich aus inszenatorischen Gründen von einer Theaterpraktikantin unterstützt wurden), haben sie mit diesem Stück erstmals eine Vorlage aufgenommen, die sich ganz ausdrücklich mit der Situation eines Straftäters und Gefangenen beschäftigt – wobei dieser bemerkenswerterweise seine Strafe außerhalb der Gefängnismauern verbüßen muss.

Die Mitglieder des ‚theaterlabors‘ haben auch diese Produktion in einem monatelangen und vielschichtigen Prozess erarbeitet, und die insgesamt 80 Gäste zeigten sich von dem Ergebnis tief beeindruckt: in einer großartigen Inszenierung und mit eindrucksvollen schauspielerischen Leistungen gestalteten sie dieses zeitgenössische Theaterstück zu den Themen Schuld und Strafe, Sühne und Vergebung, die wahrlich nicht nur innerhalb von Gefängnismauern bedeutsam sind.

Nach minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen des Publikums gab es noch einmal Gelegenheit zum Gespräch mit den Schauspielern. Und gerade diese persönlichen Begegnungen machten den Tag zu einem ganz besonderen Erlebnis, das nicht nur auf der Heimreise ausgiebig bedacht und diskutiert wurde, sondern sicher noch lange nachwirken wird.

 

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