Herausforderung an Kirche und Gesellschaft Sto/Bad Oeynhausen. Die Frage nach den Menschenrechten und der Würde des Menschen ist ein hochaktuelles Thema geblieben. Im Rahmen der Veranstaltungen der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ erinnerte Pfarrer i. R. Peter-Michael Voß im Rahmen einer Vortragsveranstaltung im Dietrich-Bonhoeffer-Haus daran, dass am 12. Dezember 1948 die Vereinten Nationen die Menschenrechte erklärt hatten.
Ein halbes Jahr später wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft gesetzt. Beide Ereignisse hängen eng zusammen und sind ohne die vorausgegangene geschichtliche Katastrophe nicht zu denken. Nur so war ein Neuanfang unter den Völkern Europas möglich.
Der Vortrag stellte die besonderen geschichtlichen Voraussetzungen heraus, die dazu führten, dass die Menschenrechte in das Grundgesetz aufgenommen wurden. Im 1. Artikel des Grundgesetzes erhält die „unantastbare Würde des Menschen“ eine zentrale Bedeutung. Der Vortrag stellte die Entstehungsgeschichte der Menschenrechte von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung über die französische Nationalversammlung von 1789 bis hin zur Erklärung der UN-Vollversammlung von 1948 dar: “Alle Menschen sind frei und gleich an Würde geboren“. Dabei wurde auf die Universalität in Bezug auf jegliche Diskriminierung und die Unteilbarkeit in Bezug auf die bürgerlichen (Freiheitsrechte) und die sozialen (sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen) Rechte hingewiesen. Die sozialen Rechte waren eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Frühkapitalismus.Ein dritter Abschnitt beleuchtete den geistesgeschichtlichen Hintergrund der Menschenrechte. Erst die Entdeckung des Individuums und die Erfahrung der Ohnmacht gegenüber der staatlichen Macht schaffen den Boden, das Anliegen der Menschenrechte zur Sprache zu bringen. Ein vierter Abschnitt befasste sich mit der Stellung der Kirchen, die anfänglich der Menschenrechtsbewegung sehr zögerlich, ja ablehnend gegenüber standen. Das hatte drei Gründe: Die französische Revolution wollte sich auch von der Übermacht der Kirche befreien. Die Menschenrechte gehen ferner vom Individuum aus und suchen keine Verankerung in einer höheren theologischen Gesamtschau der Weltwirklichkeit. Auch wurde die soziale Not zunächst nicht als strukturelle Not gesehen. Diese Vorbehalte sind in den letzten Jahrzehnten teilweise aufgearbeitet worden. Es wurden wesentliche gemeinsame Anliegen und Schnittmengen zwischen den Menschenrechten und der christlichen Ethik herausgearbeitet. In einem letzten Abschnitt zeigte der Referent auf, dass viele Aussagen im Alten und Neuen Testament von einem Geist zeugen, der im Sinne der Menschenwürde auch Grundlage der Menschenrechte ist. Die Zehn Gebote und die Propheten stellen den Schutz der Schwachen als Aufgabe des Rechtes heraus. Das Neue Testament spricht von einer durch Gott verliehenen Würde und Gleichheit aller Menschen, die in Solidarität gelebt werden muss. So wie Jesus als der Christus an der Seite des körperlich, sozial und geistlich bedrängten Menschen stand, so wird der „Blick von unten“ geschärft. Die Bedingungen, unter denen Menschen leben, sind wesentlich mit dafür verantwortlich, ob diese Würde respektiert und geschützt wird. Daraus ergibt sich eine Gestaltungsverantwortung – die Würde ist zwar eine von Gott verliehene, aber sie zu bewahren bleibt konkrete mitmenschliche und politische Aufgabe. Die anschießende Diskussion griff besonders die Situation auf, dass die Gemeinden und die Verkündigung die zentralen Anliegen der Menschenrechte ausblenden und tatenlos zusehen. Der Referent zeigte auf, dass ein theologisches Defizit in der Verkündigung seine Folgen hat: „Wo die Menschenrechtsfrage nicht in den Mittelpunkt gestellt wird, da ist die Christusbotschaft nicht richtig verstanden worden, da hat die Kirche heute in der Gesellschaft keine Zukunft mehr“.
Siehe auch:
- Ein Kämpfer für eine menschlichere Welt
- Rupert Neudeck zu Gast in Bad Oeynhausen
- „Frieden riskieren“
- Wo bleibt die Menschenwürde?
- Ökumenische Friedensdekade mit Andachten
- Volkstrauertag
- Gewalt-Deeskalation
- „Und raus bist du“
- Bericht aus einer Krisenregion
- Krieg gegen den Iran?
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