Gemeinsamer Gottesdienst von Blinden und Sehenden AB/Bad Oeynhausen. Zum Sehbehindertentag am 6. Juni fand im Kirchenkreis Vlotho ein Gottesdienst in der Eidinghausener Kirche statt. Pfarrer Christoph Otminghaus begrüßte die rund 100 Besucher zu einem Gottesdienst, der von blinden und sehbehinderten Menschen aktiv gestaltet wurde.
Mit einer Bibellesung, mit Schilderungen eigener Erlebnisse, mit einer Dialog-Predigt zu Markus 8,22-25 und mit Fürbitten. Behutsam, tastend beschreitet Simone Strahl den Weg zum Lesepult, in der Hand hält sie einen kleinen Organizer. Mit fester Stimme liest sie aus dem 1. Buch Mose vor - nicht mit ihren Augen sondern mit ihren Händen. In rasanter Geschwindigkeit ertastet sie die Punkte der Brailleschrift auf ihrem Computer. Seit ihrer Geburt ist die junge Frau blind, ihre Finger haben die Arbeit ihrer Augen übernommen.
Wie gut das geht, demonstrierten auch Mona Heynemann und Irene Tiemann-Korpus. Die drei engagierten Frauen warben im Gottesdienst für mehr Verständnis für Blinde und Sehbehinderte und machten Menschen mit schwachem Augenlicht Mut. „Um Hilfe zu bitten ist für viele schwierig, für Menschen mit einer Sehbehinderung noch mehr“, weiß Irene Tiemann-Korpus aus eigener Erfahrung. Viele Menschen fühlten sich durch ihre Sehbehinderung oder Erblindung isoliert, berichtet auch Carla Arning vom Evangelischen Blinden- und Sehbehindertendienst. Besonders ältere Menschen, die sehen konnten und später erst erblindeten, haben häufig eine eingeschränkte Mobilität und Probleme, sich zurecht zu finden. Eine Sehbehinderung bedeute einen Umzug in ein anderes fremdes Land, bei dem vieles zurückgelassen werden muss. Es bedeute, dass gewohnte Tätigkeiten lange dauern, schwerer werden oder sogar aufgegeben werden müssen. Aber es sei auch ein Umzug in ein neues, interessantes Land. In dem man neuen Menschen begegne und lerne, den Alltag wieder selber zu gestalten. „Ich kann jeden Tag entdecken, wie unglaublich viel ich mit den Händen lesen kann“, ermunterte Simone Strahl und riet den Betroffenen, sich auszutauschen und das umfangreiche Angebot an Beratung und Förderung anzunehmen. Mehr Mobilität durch Hilfsmittel Welche Hilfsmittel den Alltag erleichtern, stellten die Frauen im Anschluss an den Gottesdienst vor: von der sprechenden Küchenwaage über den faltbaren Blindenstock bis zum Daisyplayer, ein multifunktionales Gerät, das Hörbücher abspielt, Etiketten lesen kann und eine Diktierfunktion hat. „Geduld ist gefragt, es sind viele kleine Schritte nach vorne und einige wieder zurück. Gottes Hilfe ist nötig um wieder zu sehen“, sagte Strahl zum Abschluß. Wichtig sei, die Sehbehinderung zu akzeptieren, um wieder sehend zu werden. Wie ist es sehbehindert zu sein? Was es heißt, den Gottesdienst mit wenig Sehlicht zu verfolgen, erlebten auch die Konfirmanden am Sonntag hautnah. Mit einer Simulationsbrille auf der Nase, wurde ihre normale Sehfähigkeit um mehr als 90 % eingeschränkt: Der Text auf dem Liedblatt verschwamm, die Umgebung konnten sie nur schemenhaft wahrnehmen. Alles schien in einen dichten Nebel getaucht. „Man fühlt sich total eingeschränkt, dass ist kein schönes Gefühl“, meint Henning Holstein und ist froh als er die Brille wieder absetzen konnte. Hintergrundinfo Sehbehinderung Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es rund eine Million sehbehinderte Menschen in Deutschland. Ein Mensch ist sehbehindert, wenn er auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen nicht mehr als 30 Prozent von dem sieht, was ein Mensch mit normaler Sehkraft erkennt. 1998 wurde der Sehbehindertentag ins Leben gerufen, um auf die besonderen Bedürfnisse sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen. Weitere Informationen zum Thema Sehbehinderung: Evangelischer Blinden- und Sehbehindertendienst in Westfalen, www.ebs-deutschland.de Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V., www.dbsv.org
Siehe auch:
- Blindenseelsorge
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